Unterwerfung

nach dem Roman von Michel Houellebecq
Bühne Katja Haß
Kostüme Sigi Colpe
Licht Robert Grauel
Dramaturgie David Heiligers
Premiere am 22. April 2016
Lorna IshemaKrankenschwester/Marie-Françoise Tanneur, Kollegin an der Uni/Reporterin/Marine Le Pen, Front National/Myriam, Studentin und Ex-Freundin
Camill JammalChefarzt/Mohammed Ben Abbes, Bruderschaft der Muslime
Marcel KohlerZivi/Lempereur, Kollege an der Uni/Reporter
Wolfgang PreglerTanneur, Spion beim Inlandsgeheimdienst/Robert Rediger, Präsident der Uni Sorbonne
Steven ScharfFrançois, Literaturwissenschaftler
Krankenschwester/Marie-Françoise Tanneur, Kollegin an der Uni/Reporterin/Marine Le Pen, Front National/Myriam, Studentin und Ex-Freundin
Chefarzt/Mohammed Ben Abbes, Bruderschaft der Muslime
Zivi/Lempereur, Kollege an der Uni/Reporter
Tanneur, Spion beim Inlandsgeheimdienst/Robert Rediger, Präsident der Uni Sorbonne
François, Literaturwissenschaftler
Die Deutsche Bühne
Detlev Baur, 23.04.2016
Regisseur Stephan Kimmig und Dramaturg David Heiligers [wagen] deutliche Eingriffe in die Textstruktur des Romans, setzen sich über seine Chronologie hinweg und verzichten weitgehend auf erzählerische Passagen. Mit dieser bei weitem durchdachtesten und theatergemäßesten Textfassung schaffen sie die Grundlage für einen so überzeugenden wie niederschmetternden Abend. Regisseur Stephan Kimmig und Dramaturg David Heiligers [wagen] deutliche Eingriffe in die Textstruktur des Romans, setzen sich über seine Chronologie hinweg und verzichten weitgehend auf erzählerische Passagen. Mit dieser bei weitem durchdachtesten und theatergemäßesten Textfassung schaffen sie die Grundlage für einen so überzeugenden wie niederschmetternden Abend. [...]
Aus dem eigenbrötlerischen Literaturwissenschaftler, der sich am Ende des Romans womöglich auf eine Karriere unter muslimischen Vorzeichen einlässt, wird, auch mit Hilfe von Mikroport-Technik und einigen Kameranahaufnahmen, eine in sich gekehrte, kränkliche Figur, die für ein insgesamt morbides System steht: "Es stimmt, dass mein Atheismus auf keiner soliden Grundlage fußt, es wäre anmaßend, das zu behaupten", sagt François auch stellvertretend für die westliche säkulare Gesellschaft im Gespräch mit dem neuen Universitätspräsidenten, der ihn zur Rückkehr an das gewandelte Institut überreden will, inklusive Konvertierung, exzellenter Bezahlung und mehrerer junger Ehefrauen. Die Unterwerfung ist laut Koran, Herzstück des Glaubens an Allah, für François, den Mann ohne Eigenschaften ist sie eine konsequente Fortsetzung seines ziellosen Lebens. Am Ende durchbricht die nach unten schwebende Papierdecke den Kopf des Einsamen, so dass er schließlich über dem Holzskelett des ehemaligen Dachs balanciert, desorientiert wie eh und je.
Berliner Morgenpost
Katrin Pauly, 24.04.2016
François liegt und leidet, an seinen wunden Füßen, an der Welt, an seinen erotischen Fantasien. Steven Scharf gelingt es, ihm genau die richtige Dosis Müdigkeit und Verlorenheit einzuspielen, sein François ist zwar etwas lethargisch, aber nicht komplett kraftlos, egoman, aber durchaus reflektiert, ein Unbehauster, der vielleicht ein bisschen zu viel an Sex denkt. François liegt und leidet, an seinen wunden Füßen, an der Welt, an seinen erotischen Fantasien. Steven Scharf gelingt es, ihm genau die richtige Dosis Müdigkeit und Verlorenheit einzuspielen, sein François ist zwar etwas lethargisch, aber nicht komplett kraftlos, egoman, aber durchaus reflektiert, ein Unbehauster, der vielleicht ein bisschen zu viel an Sex denkt. [...] Lorna Ishema ist nicht nur Krankenschwester, Uni-Kollegin und Ex-Geliebte, sondern verkörpert, als schwarze Schauspielerin mit blonder Perücke, auch Marine Le Pen, wie sie vor der Trikolore "Es lebe die Republik!" ausruft. Marcel Kohler ist pflegender Zivi und Uni-Kollege Lempereur, der zu berichten weiß, dass es an der frisch islamisierten Sorbonne horrende Gehälter zu verdienen gibt. Womit auch Robert Rediger, der Uni-Präsident (gespielt von Wolfgang Pregler) den kränkelnden François zur Konversion überreden will. Und natürlich mit der Polygamie. Das sind Argumente, für die François, der sich selbst als so "politisiert wie ein Handtuch" bezeichnet, dann doch ziemlich zugänglich ist.
Zumal er zu diesem Zeitpunkt schon Besuch vom neuen Präsidenten persönlich hatte. Bei Camill Jammal ist dieser Ben Abbes von der Bruderschaft der Muslime einer, der seine politischen und territorialen Visionen mit menschlichem Gestus begleitet und am Krankenbett erst mal Händchen hält, bevor er sich zu François in die Kissen kuschelt.
Berliner Zeitung
Dirk Pilz, 25.04.2016
'Unterwerfung' am Deutschen Theater ist damit ein nüchterner, fast ausgekühlter Abend. In einem derzeit überhitzten Debattenklima, wo man schon in Verdacht gerät, wenn man den Islam nicht kritisiert, ist das ein bemerkenswertes Statement. 'Unterwerfung' am Deutschen Theater ist damit ein nüchterner, fast ausgekühlter Abend. In einem derzeit überhitzten Debattenklima, wo man schon in Verdacht gerät, wenn man den Islam nicht kritisiert, ist das ein bemerkenswertes Statement. Dem oberflächlichen, kurzatmigen Blick wird diese Inszenierung womöglich haltungslos vorkommen. Das ist sie nicht. Sie nimmt sich vielmehr die Freiheit, keine vorschnelle Meinung zu formulieren, sondern ein Figurendasein begreifen zu wollen.
die tageszeitung
Simone Kaempf, 25.04.2016
Mit seiner Verführung zum Extremismus, seiner metaphysisch leeren und erlösungsbedürftigen Hauptfigur ist "Unterwerfung" als politisch aufgeladener Stoff attraktiv für die Theater. Stoff der Stunde, um mit Houellebecqs in den Islam driftenden Ich-Erzähler Einblick zu geben ins Innenleben eines frustrierten westeuropäischen Intellektuellen. Mit seiner Verführung zum Extremismus, seiner metaphysisch leeren und erlösungsbedürftigen Hauptfigur ist "Unterwerfung" als politisch aufgeladener Stoff attraktiv für die Theater. Stoff der Stunde, um mit Houellebecqs in den Islam driftenden Ich-Erzähler Einblick zu geben ins Innenleben eines frustrierten westeuropäischen Intellektuellen. […]
Mit spießiger Brille und braunem Lederblouson tritt Scharf auf. Schnippt Monologfetzen vom Überleben, Beten, Lebensekel heraus, an die er selbst kaum zu glauben scheint. Er lässt keine Zweifel, dass hier ein Nerd spricht, der den Kontakt nach außen verloren hat. Er wirkt wie ein zu groß geratenes Kind, das einst zu viel Computer spielte und nun naiv, einsam und frustriert von der Regie ins Krankenbett gelegt wird. Dieses Metallbett steht ganz im Zentrum der Bühne. Über weite Strecken liegt Scharf dort, körperlich auf kleinsten Radius reduziert.
In den Arbeiten von Regisseur Kimmig spielen die Vereinzelungen des Individuums, bröckelnder emotionaler und gesellschaftlicher Halt immer wieder eine Rolle. "Unterwerfung" reiht sich nahtlos ein als Psychogramm einer Zerrüttung. Man schaut mit Laboblick zu, wie die Spezies Mensch ihrem metaphysischen Leid preisgegeben ist.
Die Welt
Matthias Heine, 25.04.2016
Die hochtalentierte afrodeutsche Schauspielerin Lorna Ishema als Marine Le Pen zu sehen, ist mehr als nur ein Verfremdungseffekt, das ist umwerfend, weil sie dem Faschismus eine atemberaubende Präsenz und verlockende Schönheit verleiht, die er natürlich gar nicht hat (obwohl die Werbevideos französischer Identitärer, die Kimmig einblenden lässt, schon ziemlich cool sind). Die hochtalentierte afrodeutsche Schauspielerin Lorna Ishema als Marine Le Pen zu sehen, ist mehr als nur ein Verfremdungseffekt, das ist umwerfend, weil sie dem Faschismus eine atemberaubende Präsenz und verlockende Schönheit verleiht, die er natürlich gar nicht hat (obwohl die Werbevideos französischer Identitärer, die Kimmig einblenden lässt, schon ziemlich cool sind).
Regisseur Kimmig und die seinen machen alles richtig. Sie nehmen den Roman nicht als kreischende Warnung vor dem Islam, sondern als das, was alle Houellebecq-Romane sind: zunehmend komischer werdende, wollüstig sich in Dekadenz ergebende Reflexionen über Frankreich und damit auch über Europa. Für Franzosen ist Frankreich sowieso Europa und alle außerhalb der Grenzen des Achtecks nur Anwärter auf den Europäerstatus – und damit haben sie auch recht.
Spiegel Online
Wolfgang Höbel, 25.04.2016
In der schönsten Szene des Abends sieht man den Schauspieler Camill Jamall, der den neuen muslimischen Staatspräsidenten Muhammed Ben Abbes spielt, im Arztkittel auf dem Krankenbett sitzen und die Hand des Patienten François halten. Mit sanfter Stimme berichtet er von dem Frieden, der unter seiner Herrschaft in Europa einkehren werde. Die Depression des Helden aber kann dieser Tröster so wenig lindern wie die Verheißungen, die ihm in Aussicht gestellt werden für den Fall, dass er zum Islam konvertiert. Starr und stoisch nimmt François es hin, dass ihm Frankreichs Himmel auf den Kopf fällt. Ein Miraculix müsste her, der ihm einen Zaubertrank braut. In der schönsten Szene des Abends sieht man den Schauspieler Camill Jamall, der den neuen muslimischen Staatspräsidenten Muhammed Ben Abbes spielt, im Arztkittel auf dem Krankenbett sitzen und die Hand des Patienten François halten. Mit sanfter Stimme berichtet er von dem Frieden, der unter seiner Herrschaft in Europa einkehren werde. Die Depression des Helden aber kann dieser Tröster so wenig lindern wie die Verheißungen, die ihm in Aussicht gestellt werden für den Fall, dass er zum Islam konvertiert. Starr und stoisch nimmt François es hin, dass ihm Frankreichs Himmel auf den Kopf fällt. Ein Miraculix müsste her, der ihm einen Zaubertrank braut.

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