Die Umsiedlerin

oder Das Leben auf dem Lande
von Heiner Müller
Premiere
6. April 2019, Kammerspiele
Jörg PoseFlint
Felix GoeserBeutler
Paul GrillRammler
Markwart Müller-ElmauTreiber
Bernd StempelKetzer, Kupka
Marcel KohlerSiegfried
Frank BüttnerFondrak
Jürgen KuttnerKrüger
Almut ZilcherFlinte 1, Beutlern, Landrat
Linda PöppelErfasser, Schmulka
Servan Durmaz*, Maral Keshavarz*, Philipp Keßel*, Mathias Kleinschmidt, Dimitri Lauwers, Kei Muramoto*, Marie Schneider, Thai Thao Tran, Christine Wünsch (*Schauspielstudierende des Jahrgangs 2017 der Universität der Künste Berlin)Chor
Flint
Beutler
Rammler
Ketzer, Kupka
Siegfried
Fondrak
Krüger
Flinte 1, Beutlern, Landrat
Erfasser, Schmulka
Servan Durmaz*, Maral Keshavarz*, Philipp Keßel*, Mathias Kleinschmidt, Dimitri Lauwers, Kei Muramoto*, Marie Schneider, Thai Thao Tran, Christine Wünsch (*Schauspielstudierende des Jahrgangs 2017 der Universität der Künste Berlin)
Chor
nachtkritik.de
Elena Philipp, 07.04.2019
[A]uf der Bühne der Kammerspiele des Deutschen Theaters aber findet das Stück statt – ein Kaliber für sich, in dem der Aufbau des DDR-Staates plastisch an einer Dorfgemeinschaft vollzogen wird, die zahlreichen Figuren frei Schnauze im Blankvers sprechen und sich die ideologischen Fragen der Zeit ebenso abbilden wie die Dramatik von Shakespeare über Hauptmann bis Brecht. Auf die Vielgestalt dieser Vorlage reagieren Kühnel und Kuttner mit einem Bündel szenischer Einfälle – von der abstrakt wirkenden, aber wandelbar zu bespielenden Drehbühne (Bühne: Jo Schramm) bis hin zum Traktor, der mit aufgeblendetem Licht zu Rockmusik von der Hinterbühne rollt. 

Anfangs baut das Regie-Duo fast formalistische Figurenkonstellationen. Als Chor mit roten Fahnen tritt die Bauernschaft zur Landverteilung an, aufgeregt ihre existenziellen Sorgen kundgebend. Eingehegt wird der Bauerntrupp auf seiner einen Seite von Bürgermeister Beutler, einem bauernschlauen Opportunisten, der sich in seinem Amt verheddern wird (als alerter Zampano mit türkisfarbenem Jackett und lila Hut: Felix Goeser), auf der anderen vom aufbaubestrebten Parteigenossen Flint, der von Beutler das Bürgermeisteramt übernimmt (von spirreliger Konstitution, aber autoritativ in sich ruhend, mit Schiebermütze und Lederjacke: Jörg Pose). Aus dem Chor hervor treten als komisches, für die Bauern gleichwohl bedrohliches Duo in Fatsuit und Hut die besitzenden Bauern Rammler (Paul Grill) und Treiber (Markwart Müller-Elmau). Treiber dreht mit jovialer Gemütlichkeit dem unterm Abgabesoll ächzenden Neubauern Ketzer (Bernd Stempel) die Daumenschrauben fest, bis dem nichts bleibt als der Strick [...].

ganz selbstverständlich spielen hier (fast) alle (fast) alles und man darf in diesem Zusammenhang den frühen Heiner Müller als geradezu feministischen Autor entdecken. Almut Zilcher etwa ist nicht nur die verhärmte Beutlern, die ihrem Mann die Krawatte bindet, sondern auch die patente Feministin Flinte, die ihrem fremdgehenden Mann ebenso Paroli bietet wie sprücheklopfenden Machos bei der Einwohnerversammlung. Als samtrot gewandete Lady Landrat meißelt sie nicht nur mit intensiver Genauigkeit einen Monolog aus dem einmontierten "Mommsens Block" auf die Bühne, sondern entscheidet auch über die Absetzung Beutlers.

Verkörperung des neuen Menschen schließlich ist auch Linda Pöppel, die als FDJlerin Schmulka naiv-nymphomanisch und idealtypisch weizenblond ist, was sich im Soundtrack "Ein Bett im Kornfeld" doppelt. Als Umsiedlerin Niet aber emanzipiert sie sich vom herrschenden Patriarchat. Geschwängert vom Wüterich Fondrak (Frank Büttner) und anfangs stets in verfünffachter Gestalt auftretend wie eine Gottheit in gefälteltem Weiß, den Blick keusch über den gewölbten Bauch gesenkt, bis sich eine Gelegenheit für sanft säuselnde Koketterie ergibt, steht sie am Schluss aufrecht zu ihrem Entschluss, Ketzers Hof zu übernehmen. Diese Genossin weiß, wohin.
[A]uf der Bühne der Kammerspiele des Deutschen Theaters aber findet das Stück statt – ein Kaliber für sich, in dem der Aufbau des DDR-Staates plastisch an einer Dorfgemeinschaft vollzogen wird, die zahlreichen Figuren frei Schnauze im Blankvers sprechen und sich die ideologischen Fragen der Zeit ebenso abbilden wie die Dramatik von Shakespeare über Hauptmann bis Brecht. Auf die Vielgestalt dieser Vorlage reagieren Kühnel und Kuttner mit einem Bündel szenischer Einfälle – von der abstrakt wirkenden, aber wandelbar zu bespielenden Drehbühne (Bühne: Jo Schramm) bis hin zum Traktor, der mit aufgeblendetem Licht zu Rockmusik von der Hinterbühne rollt. 

Anfangs baut das Regie-Duo fast formalistische Figurenkonstellationen. Als Chor mit roten Fahnen tritt die Bauernschaft zur Landverteilung an, aufgeregt ihre existenziellen Sorgen kundgebend. Eingehegt wird der Bauerntrupp auf seiner einen Seite von Bürgermeister Beutler, einem bauernschlauen Opportunisten, der sich in seinem Amt verheddern wird (als alerter Zampano mit türkisfarbenem Jackett und lila Hut: Felix Goeser), auf der anderen vom aufbaubestrebten Parteigenossen Flint, der von Beutler das Bürgermeisteramt übernimmt (von spirreliger Konstitution, aber autoritativ in sich ruhend, mit Schiebermütze und Lederjacke: Jörg Pose). Aus dem Chor hervor treten als komisches, für die Bauern gleichwohl bedrohliches Duo in Fatsuit und Hut die besitzenden Bauern Rammler (Paul Grill) und Treiber (Markwart Müller-Elmau). Treiber dreht mit jovialer Gemütlichkeit dem unterm Abgabesoll ächzenden Neubauern Ketzer (Bernd Stempel) die Daumenschrauben fest, bis dem nichts bleibt als der Strick [...].

ganz selbstverständlich spielen hier (fast) alle (fast) alles und man darf in diesem Zusammenhang den frühen Heiner Müller als geradezu feministischen Autor entdecken. Almut Zilcher etwa ist nicht nur die verhärmte Beutlern, die ihrem Mann die Krawatte bindet, sondern auch die patente Feministin Flinte, die ihrem fremdgehenden Mann ebenso Paroli bietet wie sprücheklopfenden Machos bei der Einwohnerversammlung. Als samtrot gewandete Lady Landrat meißelt sie nicht nur mit intensiver Genauigkeit einen Monolog aus dem einmontierten "Mommsens Block" auf die Bühne, sondern entscheidet auch über die Absetzung Beutlers.

Verkörperung des neuen Menschen schließlich ist auch Linda Pöppel, die als FDJlerin Schmulka naiv-nymphomanisch und idealtypisch weizenblond ist, was sich im Soundtrack "Ein Bett im Kornfeld" doppelt. Als Umsiedlerin Niet aber emanzipiert sie sich vom herrschenden Patriarchat. Geschwängert vom Wüterich Fondrak (Frank Büttner) und anfangs stets in verfünffachter Gestalt auftretend wie eine Gottheit in gefälteltem Weiß, den Blick keusch über den gewölbten Bauch gesenkt, bis sich eine Gelegenheit für sanft säuselnde Koketterie ergibt, steht sie am Schluss aufrecht zu ihrem Entschluss, Ketzers Hof zu übernehmen. Diese Genossin weiß, wohin.
Der Tagesspiegel
Christine Wahl, 08.04.2019
Mit Lederjacke, Schiebermütze und einem drolligen Retro-Fahrrad steht der Schauspieler Jörg Pose als Parteisekretär Flint auf der Kammerbühne des Deutschen Theaters Berlin und benennt ein bekanntes realsozialistisches Problem: Ihm sei Angst, dass er vor lauter Parteiarbeit den Klassenkampf und den Kommunismus verpasse. Vor dieser selbstkritischen Apparatschik-Analyse, die Pose im astreinen Heiner-Müller-Versmaß über die Rampe transportiert, sind bereits Fahnen schwenkende Bauern-Chöre aufgetreten und schmissige Parolen à la "Junkerland in Bauernhand" unters Volk gebracht worden [...].

Diesen Skandal-Klassiker des DDR-Theaters haben Tom Kühnel und Jürgen Kuttner am DT nun also wieder hervorgeholt. Seit ihrer gleichermaßen luziden wie unterhaltsamen Inszenierung von Perer Hacks' "Die Sorgen und die Macht" vor neun Jahren kennt man die beiden Regisseure als Archäologen ostdeutscher Bühnen-Präzedenzfälle. [...]

An den Müller-Fall gehen Kühnel und Kuttner nun allerdings anders heran. Sie verzichten auf die kulturpolitische Kontextualisierung und lassen das Stück quasi aus sich heraus wirken, indem sie es in einer Art Bühnen-Crasthtest den unterschiedlichsten Regie-Einfälle aussetzen. Da schieben und stepptanzen der Großbauer Rammler (Paul Grill) und der Mittelbauer Treiber (Markwart Müller-Elmau) als dickbäuchige Feindbild-Popanze mit ihren Fatsuits über die Szene, als wären sie geradewegs einer DDR-Musterinszenierung aus den 1970er Jahren entstiegen.

Im maximalen Kontrast dazu erscheint Almut Zilcher als Landrätin in einem bodenlangen roten Samtkleid, das sie ebenso zweifelsfrei aus der realsozialistischen Ackerfurche heraushebt wie ihre grandiose Deklamation von Heiner Müllers Text "Mommsens Block".

Zudem wird gern thematisch naheliegendes (Schlager-)Liedgut à la "Ein Bett im Kornfeld" eingespielt auf Jo Schramms schwarzweißer Show-Bühne, deren spiralförmig ineinander laufende Farbstreifen den Charme einer Zirkusmanege verströmen. Und wenn endlich die existenziell nötigen Traktoren aus der Sowjetunion eintreffen und stilisierte Pappmaché-Sonnenstrahlen aus dem Schnürboden herunterfahren, wie man sie von den Hemden der DDR-Jugendorganisation FDJ kennt, ist der Ironie-Kommentar zur kommunistischen Heilserwartung natürlich perfekt.

Außerdem gibt es, in brechtianischer Verfremdungsmanier, eine sehr unterhaltsame Videoeinspielung zur Debatte um die Repräsentation bestimmter Gruppen und Milieus in der (darstellenden) Kunst [...]. Dass Kühnel und Kuttner ansonsten eng bei der Textvorlage bleiben [...] überrascht natürlich zunächst. [...]

Aber wenn man das akzeptiert und sich in diesen thematisch so entrückt wirkenden Abend erst mal eingeschaut hat, wird er interessant. Nicht nur wegen Müllers Sprache, sondern auch wegen der Schauspielerinnen und Schauspieler. Die agieren hier sämtlich auf Höchstniveau. Und schaffen immer wieder überraschend ironiefreie Momente, in denen, was bei derartigen Texten nicht allzu häufig passiert, wirklich um eine zeitgenössische Sicht gerungen wird.

Das beginnt mit Bernd Stempels Neubauer Ketzer [...]. Und es hört mit Frank Büttners großem Auftritt als Anarchist Fondrak nicht auf: In Unterwäsche zum Fellmantel poltert das arbeitsscheue Element seine schöne Idee vom Versorgungskommunismus mit Freibier für alle über die Rampe, um gleichzeitig nuanciert auf die von Linda Pöppel mit unglaublicher Gegenwartsdurchlässigkeit gespielte Umsiedlerin Niet einzugehen, die er geschwängert hat. In solchen Momenten hat man das Gefühl, die ganze Show des Abends, in der Kuttner natürlich wie immer auch selbst eine kleine Rolle übernimmt, werde einzig und allein deshalb aufgefahren, um sich zwischendurch mit offenem Ausgang solche leisen, ernst gemeinten Heutigkeitsforschungen leisten zu können.
Mit Lederjacke, Schiebermütze und einem drolligen Retro-Fahrrad steht der Schauspieler Jörg Pose als Parteisekretär Flint auf der Kammerbühne des Deutschen Theaters Berlin und benennt ein bekanntes realsozialistisches Problem: Ihm sei Angst, dass er vor lauter Parteiarbeit den Klassenkampf und den Kommunismus verpasse. Vor dieser selbstkritischen Apparatschik-Analyse, die Pose im astreinen Heiner-Müller-Versmaß über die Rampe transportiert, sind bereits Fahnen schwenkende Bauern-Chöre aufgetreten und schmissige Parolen à la "Junkerland in Bauernhand" unters Volk gebracht worden [...].

Diesen Skandal-Klassiker des DDR-Theaters haben Tom Kühnel und Jürgen Kuttner am DT nun also wieder hervorgeholt. Seit ihrer gleichermaßen luziden wie unterhaltsamen Inszenierung von Perer Hacks' "Die Sorgen und die Macht" vor neun Jahren kennt man die beiden Regisseure als Archäologen ostdeutscher Bühnen-Präzedenzfälle. [...]

An den Müller-Fall gehen Kühnel und Kuttner nun allerdings anders heran. Sie verzichten auf die kulturpolitische Kontextualisierung und lassen das Stück quasi aus sich heraus wirken, indem sie es in einer Art Bühnen-Crasthtest den unterschiedlichsten Regie-Einfälle aussetzen. Da schieben und stepptanzen der Großbauer Rammler (Paul Grill) und der Mittelbauer Treiber (Markwart Müller-Elmau) als dickbäuchige Feindbild-Popanze mit ihren Fatsuits über die Szene, als wären sie geradewegs einer DDR-Musterinszenierung aus den 1970er Jahren entstiegen.

Im maximalen Kontrast dazu erscheint Almut Zilcher als Landrätin in einem bodenlangen roten Samtkleid, das sie ebenso zweifelsfrei aus der realsozialistischen Ackerfurche heraushebt wie ihre grandiose Deklamation von Heiner Müllers Text "Mommsens Block".

Zudem wird gern thematisch naheliegendes (Schlager-)Liedgut à la "Ein Bett im Kornfeld" eingespielt auf Jo Schramms schwarzweißer Show-Bühne, deren spiralförmig ineinander laufende Farbstreifen den Charme einer Zirkusmanege verströmen. Und wenn endlich die existenziell nötigen Traktoren aus der Sowjetunion eintreffen und stilisierte Pappmaché-Sonnenstrahlen aus dem Schnürboden herunterfahren, wie man sie von den Hemden der DDR-Jugendorganisation FDJ kennt, ist der Ironie-Kommentar zur kommunistischen Heilserwartung natürlich perfekt.

Außerdem gibt es, in brechtianischer Verfremdungsmanier, eine sehr unterhaltsame Videoeinspielung zur Debatte um die Repräsentation bestimmter Gruppen und Milieus in der (darstellenden) Kunst [...]. Dass Kühnel und Kuttner ansonsten eng bei der Textvorlage bleiben [...] überrascht natürlich zunächst. [...]

Aber wenn man das akzeptiert und sich in diesen thematisch so entrückt wirkenden Abend erst mal eingeschaut hat, wird er interessant. Nicht nur wegen Müllers Sprache, sondern auch wegen der Schauspielerinnen und Schauspieler. Die agieren hier sämtlich auf Höchstniveau. Und schaffen immer wieder überraschend ironiefreie Momente, in denen, was bei derartigen Texten nicht allzu häufig passiert, wirklich um eine zeitgenössische Sicht gerungen wird.

Das beginnt mit Bernd Stempels Neubauer Ketzer [...]. Und es hört mit Frank Büttners großem Auftritt als Anarchist Fondrak nicht auf: In Unterwäsche zum Fellmantel poltert das arbeitsscheue Element seine schöne Idee vom Versorgungskommunismus mit Freibier für alle über die Rampe, um gleichzeitig nuanciert auf die von Linda Pöppel mit unglaublicher Gegenwartsdurchlässigkeit gespielte Umsiedlerin Niet einzugehen, die er geschwängert hat. In solchen Momenten hat man das Gefühl, die ganze Show des Abends, in der Kuttner natürlich wie immer auch selbst eine kleine Rolle übernimmt, werde einzig und allein deshalb aufgefahren, um sich zwischendurch mit offenem Ausgang solche leisen, ernst gemeinten Heutigkeitsforschungen leisten zu können.
taz
Robert Mießner, 08.04.2019
"Wer gegen wen? Wer ohne wen? Wer spricht für wen?", fragt das DT auf seiner Website. "Wer mit wem?", möchte man ergänzen. Das DT fügt hinzu: "Wer verlässt, liebt, bekämpft oder fördert wen?"

Denn das sind die Fragen, um die es in Heiner Müllers Stück "Die Umsiedlerin oder Das Leben auf dem Lande" geht, und es sind längst nicht alle. Am Sonnabend hatte es in der Inszenierung von Tom Kühnel und Jürgen Kuttner seine Premiere, sie erntete nach über zwei Stunden einen mehrminütigen Applaus. Die Beteiligten hatten ihn sich verdient. [...]

Warum im Jahr 2019 "Die Umsiedlerin"? Weil es sonst niemand macht, sagt Kuttner entschieden. Und weil es in dem Stück noch um eine Zukunft geht. Die Zukunft ist eine Frau, die Titelfigur des Dramas, Niet, mit einem Flüchtlingstreck ist sie aus Polen in eine der ärmsten Ecken Deutschlands gekommen und erwartet ein Kind vom Dorfanarchisten Fondrak. Der wird sich aus dem Staub machen, Niet den unmittelbaren Folgeantrag des Umsiedlers Kupka ausschlagen.

Es handelt sich dabei übrigens um eine der komischsten Werbeszenen, die man seit Langem gesehen hat. In Kühnels und Kuttners Inszenierung findet sie in einem Bühnenbild statt, das so überhaupt nichts Ländliches hat und eher an ein futuristisches Labor erinnert. Dass sie Niet von einem Frauen­quintett in antiken Gewändern spielen lassen, macht den zeitgebundenen Text zu einem zeitlosen.
"Wer gegen wen? Wer ohne wen? Wer spricht für wen?", fragt das DT auf seiner Website. "Wer mit wem?", möchte man ergänzen. Das DT fügt hinzu: "Wer verlässt, liebt, bekämpft oder fördert wen?"

Denn das sind die Fragen, um die es in Heiner Müllers Stück "Die Umsiedlerin oder Das Leben auf dem Lande" geht, und es sind längst nicht alle. Am Sonnabend hatte es in der Inszenierung von Tom Kühnel und Jürgen Kuttner seine Premiere, sie erntete nach über zwei Stunden einen mehrminütigen Applaus. Die Beteiligten hatten ihn sich verdient. [...]

Warum im Jahr 2019 "Die Umsiedlerin"? Weil es sonst niemand macht, sagt Kuttner entschieden. Und weil es in dem Stück noch um eine Zukunft geht. Die Zukunft ist eine Frau, die Titelfigur des Dramas, Niet, mit einem Flüchtlingstreck ist sie aus Polen in eine der ärmsten Ecken Deutschlands gekommen und erwartet ein Kind vom Dorfanarchisten Fondrak. Der wird sich aus dem Staub machen, Niet den unmittelbaren Folgeantrag des Umsiedlers Kupka ausschlagen.

Es handelt sich dabei übrigens um eine der komischsten Werbeszenen, die man seit Langem gesehen hat. In Kühnels und Kuttners Inszenierung findet sie in einem Bühnenbild statt, das so überhaupt nichts Ländliches hat und eher an ein futuristisches Labor erinnert. Dass sie Niet von einem Frauen­quintett in antiken Gewändern spielen lassen, macht den zeitgebundenen Text zu einem zeitlosen.
Süddeutsche Zeitung
Peter Laudenbach, 09.04.2019
Das ironieerprobte Regie-Duo Tom Kühnel und Jürgen Kuttner reanimiert mit Heiner Müllers 1961 auf einer DDR-Studentenbühne uraufgeführten Komödie "Die Umsiedlerin oder Das Leben auf dem Lande" einen aus heutiger Sicht vor allem theatergeschichtlich faszinierenden Text. Es ist nicht nur der Sonderfall einer Komödie des Tragikers Müller, es ist vor allem das Stück, das ihn in der DDR für über ein Jahrzehnt zur Persona non grata des offiziellen Kultur- und Theaterbetriebs machte. [...]

Die erfrischendste Figur, der trinkfreudige Anarchist und überzeugte Asoziale Fondrak (eine Naturgewalt: Frank Büttner), ist erfreulicherwiese davor gefeit, ideologisch domestizierbar zu sein. Für einen Kontrapunkt an Härte und Bitterkeit sorgt Almut Zilcher mit in den Sozialismusschwank einmontierten Spättext Müllers, das konzentriert vorgebrachte Nachwende-Gedicht "Mommsens Block", dessen Gegenwartsekel seitdem nichts an Sprengkraft verloren hat.
Das ironieerprobte Regie-Duo Tom Kühnel und Jürgen Kuttner reanimiert mit Heiner Müllers 1961 auf einer DDR-Studentenbühne uraufgeführten Komödie "Die Umsiedlerin oder Das Leben auf dem Lande" einen aus heutiger Sicht vor allem theatergeschichtlich faszinierenden Text. Es ist nicht nur der Sonderfall einer Komödie des Tragikers Müller, es ist vor allem das Stück, das ihn in der DDR für über ein Jahrzehnt zur Persona non grata des offiziellen Kultur- und Theaterbetriebs machte. [...]

Die erfrischendste Figur, der trinkfreudige Anarchist und überzeugte Asoziale Fondrak (eine Naturgewalt: Frank Büttner), ist erfreulicherwiese davor gefeit, ideologisch domestizierbar zu sein. Für einen Kontrapunkt an Härte und Bitterkeit sorgt Almut Zilcher mit in den Sozialismusschwank einmontierten Spättext Müllers, das konzentriert vorgebrachte Nachwende-Gedicht "Mommsens Block", dessen Gegenwartsekel seitdem nichts an Sprengkraft verloren hat.

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URAUFFÜHRUNG
Tanz im August – 31. Internationales Festival Berlin

Jérôme Bel: Isadora Duncan

Deutsches Theater
19.00 - 20.00
Karten nur über Tanz im August: www.tanzimaugust.de/service/tickets/