Der Menschenfeind

von Molière
Regie Anne Lenk
Licht Matthias Vogel
Dramaturgie Sonja Anders
Premiere
29. März 2019, Deutsches Theater
Ulrich MatthesAlceste
Manuel HarderPhilinte
Franziska MachensCélimène
Lisa HrdinaÉliante
Judith HofmannArsinoé
Timo WeisschnurOronte
Jeremy MockridgeAcaste
Elias ArensClitandre
Alceste
Philinte
Célimène
Éliante
Arsinoé
Clitandre
nachtkritik.de
Christian Rakow, 29.03.2019
[Molières] Komödie [...] heißt [...] "Der Menschenfeind" und erzählt von dem missmutigen, aller gesellschaftlichen Etikette abschwörenden Eiferer und Kritikaster Alceste. Aber es ist auch – und das lernt man in dieser Inszenierung von Anne Lenk eindrucksvoll – genauso gut ein Stück über eine höchst unabhängige, wendige Frau. Célimène heißt sie, ist jung verwitwet, und wird nun von einer ganzen Heerschar von Galanen, unter ihnen Alceste, umschwirrt.

Wie eine schwarze Sonne beherrscht Franziska Machens als Célimène die Szene, pariert Avancen und zerwitzelt lässig alle ehrenrührigen Anwürfe ihres Umfelds. Sie ist zugewandt und unnahbar zugleich. [...]

Da flattern sie also wie Motten ums dunkle Licht: das fabulös eitle, kopftrübe Elitesöhnchen-Duo Acaste (mit herrlich verzärtelter Collegenote: Jeremy Mockridge) und Clitandre (als täppischer Glamrock-Spross: Elias Arens). Oder der Poet von minderen Gnaden Oronte (schön vernebelt, als ob Metal-Ikone Ozzy Osbourne auf Präraffaelit machen will: Timo Weisschnur). Und natürlich der Titelheld Alceste, der Célimène so gern in die Einsiedelei weit abseits der Menschen lotsen würde, aber sich leider in narzisstischen Besitzvorstellungen und Eifersüchtelei verfängt. [...]

Der Kontrast ist reizvoll, wenn dieser Alceste in seiner leisen Weltvorsicht auf die ansonsten humorprallen Gestalten trifft, die in wohltemperierter Schrillheit ihren Mann stehen wollen (aber meist nur hängen), oder aber spröde an ihm rumbaggern, wie das wonnige Mauerblümchen Éliante (mit wachem Hintersinn: Lisa Hrdina) und die intrigante Arsinoé (elegant als gouvernantengesichtige Erotomanin: Judith Hofmann). [...]

Anne Lenk inszeniert das Drama mit fast altmeisterlicher Kühle und Präzision. In einem schwarzsilbrigen Bühnenkasten, dessen Wände aus dicht gehängten, elastischen Seilen bestehen; man zwängt sich hindurch, baumelt auch mal darin (Bühne: Florian Lösche). Ein Hang zur Abstraktion bestimmt diese Bildwelt. [...]

Aber Lenk punktet subkutan, mit diskreten Umwertungen, mit sinnfälligen Verzögerungen im Reimfluss, mit wissendem Stirnrunzeln. Wenn Franziska Machens‘ Gothic-Queen Célimène ein ums andere Mal ihre Verehrer und Richtenden ins Leere laufen lässt, wenn sie ihre Selbstbestimmtheit gegen marode Sittlichkeitsideale behauptet, dann wird die Akzentuierung dieser Geschichte deutlich: vom Menschenfeind zum Männerfriedhof – oder wenigstens zum Männerpensionat.
[Molières] Komödie [...] heißt [...] "Der Menschenfeind" und erzählt von dem missmutigen, aller gesellschaftlichen Etikette abschwörenden Eiferer und Kritikaster Alceste. Aber es ist auch – und das lernt man in dieser Inszenierung von Anne Lenk eindrucksvoll – genauso gut ein Stück über eine höchst unabhängige, wendige Frau. Célimène heißt sie, ist jung verwitwet, und wird nun von einer ganzen Heerschar von Galanen, unter ihnen Alceste, umschwirrt.

Wie eine schwarze Sonne beherrscht Franziska Machens als Célimène die Szene, pariert Avancen und zerwitzelt lässig alle ehrenrührigen Anwürfe ihres Umfelds. Sie ist zugewandt und unnahbar zugleich. [...]

Da flattern sie also wie Motten ums dunkle Licht: das fabulös eitle, kopftrübe Elitesöhnchen-Duo Acaste (mit herrlich verzärtelter Collegenote: Jeremy Mockridge) und Clitandre (als täppischer Glamrock-Spross: Elias Arens). Oder der Poet von minderen Gnaden Oronte (schön vernebelt, als ob Metal-Ikone Ozzy Osbourne auf Präraffaelit machen will: Timo Weisschnur). Und natürlich der Titelheld Alceste, der Célimène so gern in die Einsiedelei weit abseits der Menschen lotsen würde, aber sich leider in narzisstischen Besitzvorstellungen und Eifersüchtelei verfängt. [...]

Der Kontrast ist reizvoll, wenn dieser Alceste in seiner leisen Weltvorsicht auf die ansonsten humorprallen Gestalten trifft, die in wohltemperierter Schrillheit ihren Mann stehen wollen (aber meist nur hängen), oder aber spröde an ihm rumbaggern, wie das wonnige Mauerblümchen Éliante (mit wachem Hintersinn: Lisa Hrdina) und die intrigante Arsinoé (elegant als gouvernantengesichtige Erotomanin: Judith Hofmann). [...]

Anne Lenk inszeniert das Drama mit fast altmeisterlicher Kühle und Präzision. In einem schwarzsilbrigen Bühnenkasten, dessen Wände aus dicht gehängten, elastischen Seilen bestehen; man zwängt sich hindurch, baumelt auch mal darin (Bühne: Florian Lösche). Ein Hang zur Abstraktion bestimmt diese Bildwelt. [...]

Aber Lenk punktet subkutan, mit diskreten Umwertungen, mit sinnfälligen Verzögerungen im Reimfluss, mit wissendem Stirnrunzeln. Wenn Franziska Machens‘ Gothic-Queen Célimène ein ums andere Mal ihre Verehrer und Richtenden ins Leere laufen lässt, wenn sie ihre Selbstbestimmtheit gegen marode Sittlichkeitsideale behauptet, dann wird die Akzentuierung dieser Geschichte deutlich: vom Menschenfeind zum Männerfriedhof – oder wenigstens zum Männerpensionat.
rbb24
Magdalena Bienert, 30.03.2019
Es ist eine leidvolle Komödie mit Ulrich Matthes als zerrissenem Menschenfeind und der selbstbewussten Franziska Machens als Célimène. Aber auch die Verehrer, allen voran Timo Weisschnur, sind hervorragend und von Regisseurin Anne Lenk nicht immer eindeutig heterosexuell angelegt, was dem Balzen um eine junge Frau eine spannende Ebene hinzufügt.

Das Bühnenbild ist so schlicht wie beeindruckend und benötigt kein einziges Requisit. Die Figuren tauchen in einen von oben bis unten grau-changierenden Raum hinein, dessen vermeintliche Wände aus hunderten, wenn nicht tausenden elastischen Schnüren bestehen, durch die das achtköpfige Ensemble hindurchgleitet – oder fast auf die Bühne geschnipst kommt. Der intime Raum ist der Salon von Célimène. Hier wird geflirtet, getanzt, gestritten und geheuchelt. Vor allem aber nach Bestätigung gesucht – vergebens. [...]

Überhaupt ist die Inszenierung niemals altmodisch. Im Gegenteil. Das Bühnenbild, treibende Clubmusik und das Licht als Requisit saugen die Zuschauer in das Geschehen. Zu Recht gibt es nach 90 Minuten donnernden Applaus.
Es ist eine leidvolle Komödie mit Ulrich Matthes als zerrissenem Menschenfeind und der selbstbewussten Franziska Machens als Célimène. Aber auch die Verehrer, allen voran Timo Weisschnur, sind hervorragend und von Regisseurin Anne Lenk nicht immer eindeutig heterosexuell angelegt, was dem Balzen um eine junge Frau eine spannende Ebene hinzufügt.

Das Bühnenbild ist so schlicht wie beeindruckend und benötigt kein einziges Requisit. Die Figuren tauchen in einen von oben bis unten grau-changierenden Raum hinein, dessen vermeintliche Wände aus hunderten, wenn nicht tausenden elastischen Schnüren bestehen, durch die das achtköpfige Ensemble hindurchgleitet – oder fast auf die Bühne geschnipst kommt. Der intime Raum ist der Salon von Célimène. Hier wird geflirtet, getanzt, gestritten und geheuchelt. Vor allem aber nach Bestätigung gesucht – vergebens. [...]

Überhaupt ist die Inszenierung niemals altmodisch. Im Gegenteil. Das Bühnenbild, treibende Clubmusik und das Licht als Requisit saugen die Zuschauer in das Geschehen. Zu Recht gibt es nach 90 Minuten donnernden Applaus.
Berliner Morgenpost
Nils Neuhaus, 31.03.2019
Sie [Anne Lenk] lässt den Text der Komödie, die 1666 uraufgeführt wurde, unberührt. Selbst die Reimform wird beibehalten. Lediglich Kostüm und Bühnenbild brechen mit der Welt des 17. Jahrhunderts. Die Kostüme von Sibylle Wallum sind modern gehalten. So läuft Alceste äußerst stilvoll in grauer Anzughose mit Hemd und passender grauer Weste über die Bühne. Das Bühnenbild von Florian Lösche löst den Widerspruch zwischen Garderobe und Sprache der Figuren ein Stück weit auf und macht die Bühne zum zeitlosen Raum. Die Schauspieler agieren auf einer Schräge, die dem Publikum zugeneigt ist. Die Bühne kommt ohne Requisiten aus, sofern man die drei Bühnenwände nicht Requisiten nennen möchte. Denn diese bestehen vollkommen aus vertikalen grauen Gummiseilen, zwischen denen die Figuren effektvoll verschwinden und auftauchen können.

Die Umsetzung zeigt, wie modern der Text von Molière ist. Denn das Stück selbst legt die Reduktion des Bühnenraums nahe, da es sich vor allem durch Handlungsarmut und humorvolle Dialoge auszeichnet. Tatsächlich gibt es an diesem Abend Momente, in denen das Prusten vereinzelter Zuschauer die Schauspieler fast übertönt. Die Komik entsteht zum Beispiel durch das Spiel mit den Gummiseilen, die mal als Guckloch, mal zur akrobatischen Betätigung dienen. Vor allem sind es jedoch die stichelnden Kommentare der Figuren, die Lachen hervorrufen.

Dabei ist es Alceste in seiner Sache durchaus ernst. Matthes bringt ihn sehr überzeugend als Getriebenen auf die Bühne, der sich durchgehend als Märtyrer der Wahrheit und als ultimativen Außenseiter inszeniert. Dass er seine Grundsätze nicht mal verletzt, um die Gefühle anderer zu schonen, zeigt eine Szene zwischen Alceste und Oronte, der ebenfalls ein Verehrer Célimènes ist.

Gespielt wird Oronte von Timo Weisschnur, dem die komische Rolle sichtlich liegt und der die Bühne im Trainingsanzug beschreitet. [...]

Die leichtherzige Lebefrau wird von Franziska Machens durchaus ambivalent auf die Bühne gebracht. Zum einen wirkt sie niederträchtig in der Art wie sie mit den Hoffnungen der Männer spielt, zum anderen wirkt sie durch ihre befreite Sexualität äußerst modern. [...]

Kern des Stücks ist die Komik, die bei der Aufführung im DT großartig zur Geltung kommt. Auch das reduzierte Bühnenbild funktioniert einwandfrei und öffnet zahllose Interpretationsräume.
Sie [Anne Lenk] lässt den Text der Komödie, die 1666 uraufgeführt wurde, unberührt. Selbst die Reimform wird beibehalten. Lediglich Kostüm und Bühnenbild brechen mit der Welt des 17. Jahrhunderts. Die Kostüme von Sibylle Wallum sind modern gehalten. So läuft Alceste äußerst stilvoll in grauer Anzughose mit Hemd und passender grauer Weste über die Bühne. Das Bühnenbild von Florian Lösche löst den Widerspruch zwischen Garderobe und Sprache der Figuren ein Stück weit auf und macht die Bühne zum zeitlosen Raum. Die Schauspieler agieren auf einer Schräge, die dem Publikum zugeneigt ist. Die Bühne kommt ohne Requisiten aus, sofern man die drei Bühnenwände nicht Requisiten nennen möchte. Denn diese bestehen vollkommen aus vertikalen grauen Gummiseilen, zwischen denen die Figuren effektvoll verschwinden und auftauchen können.

Die Umsetzung zeigt, wie modern der Text von Molière ist. Denn das Stück selbst legt die Reduktion des Bühnenraums nahe, da es sich vor allem durch Handlungsarmut und humorvolle Dialoge auszeichnet. Tatsächlich gibt es an diesem Abend Momente, in denen das Prusten vereinzelter Zuschauer die Schauspieler fast übertönt. Die Komik entsteht zum Beispiel durch das Spiel mit den Gummiseilen, die mal als Guckloch, mal zur akrobatischen Betätigung dienen. Vor allem sind es jedoch die stichelnden Kommentare der Figuren, die Lachen hervorrufen.

Dabei ist es Alceste in seiner Sache durchaus ernst. Matthes bringt ihn sehr überzeugend als Getriebenen auf die Bühne, der sich durchgehend als Märtyrer der Wahrheit und als ultimativen Außenseiter inszeniert. Dass er seine Grundsätze nicht mal verletzt, um die Gefühle anderer zu schonen, zeigt eine Szene zwischen Alceste und Oronte, der ebenfalls ein Verehrer Célimènes ist.

Gespielt wird Oronte von Timo Weisschnur, dem die komische Rolle sichtlich liegt und der die Bühne im Trainingsanzug beschreitet. [...]

Die leichtherzige Lebefrau wird von Franziska Machens durchaus ambivalent auf die Bühne gebracht. Zum einen wirkt sie niederträchtig in der Art wie sie mit den Hoffnungen der Männer spielt, zum anderen wirkt sie durch ihre befreite Sexualität äußerst modern. [...]

Kern des Stücks ist die Komik, die bei der Aufführung im DT großartig zur Geltung kommt. Auch das reduzierte Bühnenbild funktioniert einwandfrei und öffnet zahllose Interpretationsräume.
Der Tagesspiegel
Christine Wahl, 31.03.2019
Florian Lösche hat einen schwarzgrauen Bühnenkasten mit elastischen Wänden gebaut, die aus lauter straff gespannten Strippen bestehen. Darin kann man sich nicht nur wunderbar verfangen oder akrobatische Scharmützel austragen. Sondern die dicht an dicht platzierten Seile lassen sich auch bestens für Selbstoptimierungsübungen zweckentfremden. [...]

Nur besteht die größte Qualität der elastischen DT-Bühnenwände darin, dass man sie nach Belieben zurechtbiegen kann. Denn um Gelenkigkeit, im allerweitesten Sinne, geht es ja in Molières Komödie aus dem 17. Jahrhundert. Beziehungsweise um ihr Gegenteil: Einen ausdrücklich unflexiblen Misanthropen, der - zumindest qua Selbstdefinition - der allgegenwärtigen Kriecherei den bedingungslos aufrechten Gang entgegensetzt.

Im DT spielt Ulrich Matthes diesen "Menschenfeind", Alceste. Und zwar nicht als Wahrheitseiferer und Prinzipienreiter, sondern eigentlich eher als verkappten Philanthropen: Da steht, jedenfalls zunächst, ein Grübler mit Denkerstirnfalten auf der Bühne, der irgendwie ernsthaft interessiert scheint am zivilisatorischen Fortschritt der Spezies. Und selbiger wird ja durch realistische Leistungseinschätzung und Faktentreue bekanntlich deutlich aussichtsreicher befördert als durch Lobhudelei, Tatsachenbeschönigungen und das hemmungslose Abfeiern schlechter (Lyrik-)Performances - von wegen "spröde" und "öde".

Dass man es aber auch übertreiben kann mit dem Wahrsprechen und Moralisieren – nämlich dann, wenn man das Handlungsziel nicht mehr vom puren Prinzip zu unterscheiden schafft, was ja wiederum tatsächlich eine der schwersten Menschheitsoperationen überhaupt ist: Das weiß Alcestes Kumpel Philinte. Den stellt Manuel Harder als Fleisch gewordenes Realitätsprinzip auf die Bühne.

Und das ist wirklich ein toller Auftakt dieses pausenlosen Neunzigminüters: Wie Matthes und Harder hier als personifizierte Idealo- beziehungsweise Realo-Flügel über die Vor- und Nachteile sozialer Konventionen disputieren. Wie sie die produktiven und die destruktiven Kräfte der Wahrheit in Stellung bringen und über dem Authentizitätsimperativ aneinandergeraten. Ernsthaft und komisch zugleich; mit lässig ausgespieltem Witz und tiefer liegendem Erkenntnispotenzial. Da kann man [...] punktuell durchaus mal die dreieinhalb Jahrhunderte vergessen, die uns von Molière trennen. Und das, obwohl hier in gereimten Versen (nach der Übersetzung von Jürgen Gosch und Wolfgang Wiens) debattiert wird. [...]

Im dunklen Bühnenkasten, der bestens zu den thematisch sinnigen Schwarz-, Weiß- und Grautönen der Kostüme (Sibylle Wallum) passt, spielen der Text beziehungsweise die ihn pointierenden Schauspieler die Hauptrolle. 

Wobei es immer ausdrücklich plakativ wird, wenn die bewusst auf Komödie gebürsteten Célimène-Verehrer Oronte, Acaste und Clitandre mit ihren Langhaardackelfrisuren, Schmalzsträhnen oder Rüschen-Blousons auftreten, zur sichtlichen Freude des Publikums übrigens [...].

Célimène selbst schiebt sich übrigens zusehends ins Zentrum dieser Inszenierung. Franziska Machens spielt sie maximal frei von gekünstelter Koketterie; mit einer Art tiefenentspanntem Authentizitätscharme. Und zwar im Kostüm eines schwarzen Engels bei gleichzeitiger barfüßiger Unschuld. Sozusagen als feministische Vorreiterin vom Hofe, die sich herzlich wenig um gesellschaftliche Korsette schert und alles vom Leben nimmt, was sie will; und seien es synapsenentschleunigte Langhaardackel als Spielzeuge.
Florian Lösche hat einen schwarzgrauen Bühnenkasten mit elastischen Wänden gebaut, die aus lauter straff gespannten Strippen bestehen. Darin kann man sich nicht nur wunderbar verfangen oder akrobatische Scharmützel austragen. Sondern die dicht an dicht platzierten Seile lassen sich auch bestens für Selbstoptimierungsübungen zweckentfremden. [...]

Nur besteht die größte Qualität der elastischen DT-Bühnenwände darin, dass man sie nach Belieben zurechtbiegen kann. Denn um Gelenkigkeit, im allerweitesten Sinne, geht es ja in Molières Komödie aus dem 17. Jahrhundert. Beziehungsweise um ihr Gegenteil: Einen ausdrücklich unflexiblen Misanthropen, der - zumindest qua Selbstdefinition - der allgegenwärtigen Kriecherei den bedingungslos aufrechten Gang entgegensetzt.

Im DT spielt Ulrich Matthes diesen "Menschenfeind", Alceste. Und zwar nicht als Wahrheitseiferer und Prinzipienreiter, sondern eigentlich eher als verkappten Philanthropen: Da steht, jedenfalls zunächst, ein Grübler mit Denkerstirnfalten auf der Bühne, der irgendwie ernsthaft interessiert scheint am zivilisatorischen Fortschritt der Spezies. Und selbiger wird ja durch realistische Leistungseinschätzung und Faktentreue bekanntlich deutlich aussichtsreicher befördert als durch Lobhudelei, Tatsachenbeschönigungen und das hemmungslose Abfeiern schlechter (Lyrik-)Performances - von wegen "spröde" und "öde".

Dass man es aber auch übertreiben kann mit dem Wahrsprechen und Moralisieren – nämlich dann, wenn man das Handlungsziel nicht mehr vom puren Prinzip zu unterscheiden schafft, was ja wiederum tatsächlich eine der schwersten Menschheitsoperationen überhaupt ist: Das weiß Alcestes Kumpel Philinte. Den stellt Manuel Harder als Fleisch gewordenes Realitätsprinzip auf die Bühne.

Und das ist wirklich ein toller Auftakt dieses pausenlosen Neunzigminüters: Wie Matthes und Harder hier als personifizierte Idealo- beziehungsweise Realo-Flügel über die Vor- und Nachteile sozialer Konventionen disputieren. Wie sie die produktiven und die destruktiven Kräfte der Wahrheit in Stellung bringen und über dem Authentizitätsimperativ aneinandergeraten. Ernsthaft und komisch zugleich; mit lässig ausgespieltem Witz und tiefer liegendem Erkenntnispotenzial. Da kann man [...] punktuell durchaus mal die dreieinhalb Jahrhunderte vergessen, die uns von Molière trennen. Und das, obwohl hier in gereimten Versen (nach der Übersetzung von Jürgen Gosch und Wolfgang Wiens) debattiert wird. [...]

Im dunklen Bühnenkasten, der bestens zu den thematisch sinnigen Schwarz-, Weiß- und Grautönen der Kostüme (Sibylle Wallum) passt, spielen der Text beziehungsweise die ihn pointierenden Schauspieler die Hauptrolle. 

Wobei es immer ausdrücklich plakativ wird, wenn die bewusst auf Komödie gebürsteten Célimène-Verehrer Oronte, Acaste und Clitandre mit ihren Langhaardackelfrisuren, Schmalzsträhnen oder Rüschen-Blousons auftreten, zur sichtlichen Freude des Publikums übrigens [...].

Célimène selbst schiebt sich übrigens zusehends ins Zentrum dieser Inszenierung. Franziska Machens spielt sie maximal frei von gekünstelter Koketterie; mit einer Art tiefenentspanntem Authentizitätscharme. Und zwar im Kostüm eines schwarzen Engels bei gleichzeitiger barfüßiger Unschuld. Sozusagen als feministische Vorreiterin vom Hofe, die sich herzlich wenig um gesellschaftliche Korsette schert und alles vom Leben nimmt, was sie will; und seien es synapsenentschleunigte Langhaardackel als Spielzeuge.
Märkische Allgemeine
Frank Dietschreit, 31.03.2019
Am Deutschen Theater in Berlin zeigt Regisseurin Anne Lenk Molières 350 Jahre alte Komödie "Der Menschenfeind" als zeitlose Satire auf gesellschaftliche Maskerade und soziale Selbstinszenierung und betont lustvoll den nie zu lösenden Widerspruch zwischen hohem moralischen Anspruch und kläglich scheiternder Wirklichkeit. [...]

Schauspiel in Reinkultur und auf höchstem Niveau. Und eine Übersetzung des alten Textes, die geschickt zwischen poetischer Schönheit und modischem Kalauer jongliert. [...]

Zum vorwitzigen Text gesellen sich wummernde musikalische Beats, schillernde Lichtspiele und fantasievolle Video-Effekte. Ein rundum stimmiges Bühnen-Paket, das die Darsteller zu Höchstleistungen antreibt. Mit mädchenhafter Koketterie zieht Franziska Machens (Célimène) die Fäden, mit dümmlichem Grinsen rezitiert Timo Weisschnur (Oronte) seine schleimigen Gedichte. 

Am ewig gut gelaunten jugendlichen Draufgängertum von Jeremy Mockridge (Acaste) und Elias Arens (Clitandre) muss der permanent pathetische und dauerhaft muffelige Ulrich Matthes (Alceste) sich die Zähne ausbeißen, den Schwanz einziehen und sich in die Einsiedelei verabschieden. Selten so gelacht. Sogar über einen Matthes, der in seiner unbedingten Ernsthaftigkeit ungemein komisch sein kann.
Am Deutschen Theater in Berlin zeigt Regisseurin Anne Lenk Molières 350 Jahre alte Komödie "Der Menschenfeind" als zeitlose Satire auf gesellschaftliche Maskerade und soziale Selbstinszenierung und betont lustvoll den nie zu lösenden Widerspruch zwischen hohem moralischen Anspruch und kläglich scheiternder Wirklichkeit. [...]

Schauspiel in Reinkultur und auf höchstem Niveau. Und eine Übersetzung des alten Textes, die geschickt zwischen poetischer Schönheit und modischem Kalauer jongliert. [...]

Zum vorwitzigen Text gesellen sich wummernde musikalische Beats, schillernde Lichtspiele und fantasievolle Video-Effekte. Ein rundum stimmiges Bühnen-Paket, das die Darsteller zu Höchstleistungen antreibt. Mit mädchenhafter Koketterie zieht Franziska Machens (Célimène) die Fäden, mit dümmlichem Grinsen rezitiert Timo Weisschnur (Oronte) seine schleimigen Gedichte. 

Am ewig gut gelaunten jugendlichen Draufgängertum von Jeremy Mockridge (Acaste) und Elias Arens (Clitandre) muss der permanent pathetische und dauerhaft muffelige Ulrich Matthes (Alceste) sich die Zähne ausbeißen, den Schwanz einziehen und sich in die Einsiedelei verabschieden. Selten so gelacht. Sogar über einen Matthes, der in seiner unbedingten Ernsthaftigkeit ungemein komisch sein kann.
Berliner Zeitung
Ulrich Seidler, 01.04.2019
Das Zuschauerherz gehört den gockelhaften Kavalieren, die mit Alceste um Célimène konkurrieren [...]: Elias Arens wirft als ausgezehrter Clitandre seine langen Fettsträhnen, Jeremy Mockridge flötet als weggetreten durchleuchteter Narziss den Frauen hinterher, und allen voran wirft sich Timo Weisschnur, der "dicke Dichter" Oronte, in einem Blouson-Anzug und zierlichen Wappen-Pantoletten in Pose. Er lässt weich das Becken kreisen und glättet das Gesicht zu einem sonnigen Lächeln, das seiner bescheidenen Meinung nach alle Welt für ihn einnehmen müsste. Das Zuschauerherz gehört den gockelhaften Kavalieren, die mit Alceste um Célimène konkurrieren [...]: Elias Arens wirft als ausgezehrter Clitandre seine langen Fettsträhnen, Jeremy Mockridge flötet als weggetreten durchleuchteter Narziss den Frauen hinterher, und allen voran wirft sich Timo Weisschnur, der "dicke Dichter" Oronte, in einem Blouson-Anzug und zierlichen Wappen-Pantoletten in Pose. Er lässt weich das Becken kreisen und glättet das Gesicht zu einem sonnigen Lächeln, das seiner bescheidenen Meinung nach alle Welt für ihn einnehmen müsste.
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Simon Strauss, 01.04.2019
Ulrich Matthes spielt einen Apodiktiker in der Klemme: Jedem hergelaufenen Marquis oder betulichen Dichterkönig ist er bereit, die beleidigende Wahrheit ins Gesicht zu sagen, aber bei seiner Geliebten lässt er ein ums andere Mal Gnade vor Moralrecht ergehen. Er kann sie nur tadeln, nicht von ihr lassen. Vom ersten Moment an hin- und hergerissen steht Matthes mit gestutztem Bart und stechenden Augen auf der halbschrägen Bühne und bohrt mit nach untem gestreckten Zeigefinger Warnungen in die Luft. Er ist einer, dessen Name nicht in Wasser, sondern in Beton geschrieben ist, und zwar in Paragraphenform. [...]

In die von Florian Lösche gebauten Guckkastenbühne, die Wände aus elastischen, dünnen Gummibandstreben hat, lässt sie ihre
Protagonistinnen und Darsteller treten wie in einen Käfig oder eine Gefängniszelle. Sie alle haben einen eigenen Affekt, ein besonderes Gemütsliennzeichen. Vor allem für Célimène interessiert sich Lenk. Franziska Machens tritt als elfenhaft verschmitzte Hausherrin in Strumpfhose und einem ausgefallenen Oberteil auf, das ihre kalte nackte Schulter deutlich zeigt (für die phantasievollen, nach der Mode einer ungefähren Zwischenzeit geschneiderten Kostüme verantwortlich: Sibylle Wallum). Die Männer begehren sie nicht zuletzt, weil sie so leichtfertig wirkt, alles geschehen und sich doch auf nichts einlässt. Diese schöne Frau spielt und spielt und lächelt souverän dabei. Nur ihrem verzweifelten Verehrer Alceste begegnet sie im kühlen, beinahe hanseatischen Ton der herablassenden Verachtung.

Lenk inszeniert Molières "Misanthrop" als eine sprühende, unterhaltsame Gesellschaftskomödie, die ihre identifikatorische Wirkung über die Epochen hinweg entfaltet. Ein bisschen Diskolicht und Technobässe kommen zwar vor, um Gegenwärtigkeit zu markieren, aber im Wesentlichen kommt die Regisseurin ohne
Fingerzeige und Referenzen aus. Herausragend in Szene gesetzt ist das Frauenduell zwischen Célimène und ihrer Konkurrentin A¡sinoé, die Judith Hofmann als in die prüden Jahre gekommene Matrone mit großer Grandezza gibt.
Ulrich Matthes spielt einen Apodiktiker in der Klemme: Jedem hergelaufenen Marquis oder betulichen Dichterkönig ist er bereit, die beleidigende Wahrheit ins Gesicht zu sagen, aber bei seiner Geliebten lässt er ein ums andere Mal Gnade vor Moralrecht ergehen. Er kann sie nur tadeln, nicht von ihr lassen. Vom ersten Moment an hin- und hergerissen steht Matthes mit gestutztem Bart und stechenden Augen auf der halbschrägen Bühne und bohrt mit nach untem gestreckten Zeigefinger Warnungen in die Luft. Er ist einer, dessen Name nicht in Wasser, sondern in Beton geschrieben ist, und zwar in Paragraphenform. [...]

In die von Florian Lösche gebauten Guckkastenbühne, die Wände aus elastischen, dünnen Gummibandstreben hat, lässt sie ihre
Protagonistinnen und Darsteller treten wie in einen Käfig oder eine Gefängniszelle. Sie alle haben einen eigenen Affekt, ein besonderes Gemütsliennzeichen. Vor allem für Célimène interessiert sich Lenk. Franziska Machens tritt als elfenhaft verschmitzte Hausherrin in Strumpfhose und einem ausgefallenen Oberteil auf, das ihre kalte nackte Schulter deutlich zeigt (für die phantasievollen, nach der Mode einer ungefähren Zwischenzeit geschneiderten Kostüme verantwortlich: Sibylle Wallum). Die Männer begehren sie nicht zuletzt, weil sie so leichtfertig wirkt, alles geschehen und sich doch auf nichts einlässt. Diese schöne Frau spielt und spielt und lächelt souverän dabei. Nur ihrem verzweifelten Verehrer Alceste begegnet sie im kühlen, beinahe hanseatischen Ton der herablassenden Verachtung.

Lenk inszeniert Molières "Misanthrop" als eine sprühende, unterhaltsame Gesellschaftskomödie, die ihre identifikatorische Wirkung über die Epochen hinweg entfaltet. Ein bisschen Diskolicht und Technobässe kommen zwar vor, um Gegenwärtigkeit zu markieren, aber im Wesentlichen kommt die Regisseurin ohne
Fingerzeige und Referenzen aus. Herausragend in Szene gesetzt ist das Frauenduell zwischen Célimène und ihrer Konkurrentin A¡sinoé, die Judith Hofmann als in die prüden Jahre gekommene Matrone mit großer Grandezza gibt.
taz
Katrin Ullmann, 01.04.2019
Am Deutschen Theater inszeniert Anne Lenk Molières Komödie aus dem Jahre 1666 und bringt das darin zelebrierte Kräftemessen mit kühler Amüsiertheit auf die Bühne. Da ist Ulrich Mattes ein stiller Verzweifler, Franziska Machens eine bedenkenlose Gesellschaftslöwin. Auf engem Raum duellieren sie sich im rhetorischen Gefecht. In klug gereimten Versen schlägt ein Argument das andere, trickst eine Formulierung die andere aus. Lenk verwendet die großartige Übersetzung von Jürgen Gosch und Wolfgang Wiens: deren feinsinnigen Wortwitz nehmen die acht Darsteller genussvoll auf, lassen sich ausreichend Zeit für Pausen und Pointen. [...]

Alceste ist natürlich ein Narzisst. Doch ist er auch einer, den die Liebe überrennt. Unerklärbar und unkontrollierbar, ein Zustand wie ein krankhafter Wahn. Mattes spielt diese Figur mit großer Genauigkeit, vor allem aber mit großer Zurückhaltung. Und so erlebt man einen „Menschenfeind“, der nicht nur den Glauben an die Menschheit, sondern bald auch an sich selbst verloren hat. [...]

Sein eigenes emotionales Unglück kann dieser Misanthrop nicht fassen. Folgerichtig offenbart Mattes in Lenks Inszenierung vor allem jenen "verliebten Melancholiker", um den Molière seinen "Menschenfeind" im Originaltitel ergänzte.

Untergebracht ist dieser Menschenfeind, und mit ihm alle anderen Figuren, in einem leeren Raum. Mit eng gespannten, flexiblen Seilen ist der Guckkasten ringsum umgeben. Er wirkt wie die Gummizelle einer Heilanstalt und dient der Sicherheit. Weich hängen sich die Darsteller mal in die grauen Seile, geschickt fallen sie durch deren schmale Zwischenräume oder schlängeln sich elegant daran entlang. [...]

Da ist etwa Oronte (herrlich komisch: Timo Weisschnur), der seine schlechte Dichtkunst mit wallendem Haar und wohlig kreisenden Hüften auf die Bühne bringt. Selbstbewusst lässt er sich Zeit für poetische Peinlichkeiten [...]. Später wird [...] Célimène den schwärmenden Dichter abservieren, genauso wie die ebenfalls um sie buhlenden, kokettierenden Lästermäuler Acaste (Jeremy Mockridge) und Clitandre (Elias Arens). Allein Philinte, Alcestes Freund, bleibt von diesen Launen verschont. Manuel Harder spielt ihn tiefgründig und mit warnenden Worten.

Für alle Männer unerreicht bleibt also diese lebenshungrige Witwe. Anne Lenk – und vor allem die fantastische, alle Anschuldigungen charmant weglächelnde Franziska Machens – macht sie barfuß und mit großer Leichtigkeit zur eigentlichen Protagonistin. Die anderen beiden Frauenfiguren (Lisa Hrdina als offenherzige Éliante und Judith Hofmann als verhärmte, aber stolze Arsinoé) stehen ebenfalls recht emanzipiert im Leben. Lieber sind sie einsam als zweite Wahl. Spielerisch, spöttelnd und unterhaltsam perlt diese Inszenierung durch Moralisches und Menschliches, durch Gedichtetes und Gefühltes. Unbestritten gelingt Anne Lenk ein klug austarierter, kurzweiliger Abend mit grandiosen Schauspielern und rasanten Wortgefechten [...].
Am Deutschen Theater inszeniert Anne Lenk Molières Komödie aus dem Jahre 1666 und bringt das darin zelebrierte Kräftemessen mit kühler Amüsiertheit auf die Bühne. Da ist Ulrich Mattes ein stiller Verzweifler, Franziska Machens eine bedenkenlose Gesellschaftslöwin. Auf engem Raum duellieren sie sich im rhetorischen Gefecht. In klug gereimten Versen schlägt ein Argument das andere, trickst eine Formulierung die andere aus. Lenk verwendet die großartige Übersetzung von Jürgen Gosch und Wolfgang Wiens: deren feinsinnigen Wortwitz nehmen die acht Darsteller genussvoll auf, lassen sich ausreichend Zeit für Pausen und Pointen. [...]

Alceste ist natürlich ein Narzisst. Doch ist er auch einer, den die Liebe überrennt. Unerklärbar und unkontrollierbar, ein Zustand wie ein krankhafter Wahn. Mattes spielt diese Figur mit großer Genauigkeit, vor allem aber mit großer Zurückhaltung. Und so erlebt man einen „Menschenfeind“, der nicht nur den Glauben an die Menschheit, sondern bald auch an sich selbst verloren hat. [...]

Sein eigenes emotionales Unglück kann dieser Misanthrop nicht fassen. Folgerichtig offenbart Mattes in Lenks Inszenierung vor allem jenen "verliebten Melancholiker", um den Molière seinen "Menschenfeind" im Originaltitel ergänzte.

Untergebracht ist dieser Menschenfeind, und mit ihm alle anderen Figuren, in einem leeren Raum. Mit eng gespannten, flexiblen Seilen ist der Guckkasten ringsum umgeben. Er wirkt wie die Gummizelle einer Heilanstalt und dient der Sicherheit. Weich hängen sich die Darsteller mal in die grauen Seile, geschickt fallen sie durch deren schmale Zwischenräume oder schlängeln sich elegant daran entlang. [...]

Da ist etwa Oronte (herrlich komisch: Timo Weisschnur), der seine schlechte Dichtkunst mit wallendem Haar und wohlig kreisenden Hüften auf die Bühne bringt. Selbstbewusst lässt er sich Zeit für poetische Peinlichkeiten [...]. Später wird [...] Célimène den schwärmenden Dichter abservieren, genauso wie die ebenfalls um sie buhlenden, kokettierenden Lästermäuler Acaste (Jeremy Mockridge) und Clitandre (Elias Arens). Allein Philinte, Alcestes Freund, bleibt von diesen Launen verschont. Manuel Harder spielt ihn tiefgründig und mit warnenden Worten.

Für alle Männer unerreicht bleibt also diese lebenshungrige Witwe. Anne Lenk – und vor allem die fantastische, alle Anschuldigungen charmant weglächelnde Franziska Machens – macht sie barfuß und mit großer Leichtigkeit zur eigentlichen Protagonistin. Die anderen beiden Frauenfiguren (Lisa Hrdina als offenherzige Éliante und Judith Hofmann als verhärmte, aber stolze Arsinoé) stehen ebenfalls recht emanzipiert im Leben. Lieber sind sie einsam als zweite Wahl. Spielerisch, spöttelnd und unterhaltsam perlt diese Inszenierung durch Moralisches und Menschliches, durch Gedichtetes und Gefühltes. Unbestritten gelingt Anne Lenk ein klug austarierter, kurzweiliger Abend mit grandiosen Schauspielern und rasanten Wortgefechten [...].
Süddeutsche Zeitung
Peter Laudenbach, 02.04.2019
Anne Lenk hat Molières bittere Komödie in der verspielten Übersetzung von Jürgen Gosch und Wolfgang Wiens mit ihren beweglichen, sehr komischen gereimten Versen inszeniert. Die Aufführung ist nicht nur in ihrer Leichtigkeit, Intelligenz und schnörkellosen Klarheit ein Vergnügen. Wohltuend ist Lenks Vertrauen auf einen Klassiker, den sie ernst nimmt, und ihre Konzentration auf die Sprache und ihre Raffinessen.

In Lenks Inszenierung müssen sich die Schauspieler nicht als Diskurskommentatoren verrenken, sondern dürfen das machen, was sie am besten können, nämlich spielen. Die Bühne stammt von Florian Lösche, einem Könner, der mit seinen Räumen Atmosphären schafft. Er stellt Molières Personal in einen Kasten aus gespannten Gummiseilen, in dem die Figuren gefangen sind wie in einem weich gepolsterten Käfig. Sibylle Wallums Kostüme in Schwarz, Weiß und vielen Grautönen changieren raffiniert zwischen Rokokorüschen und -spitzen und zeitlos zeitgenössischer Popmode – willkommen in der manisch-depressiven Spaßgesellschaft.

Matthes denunziert seine Figur nicht, er zeigt Alceste als überspannten Menschen, der an der Welt des schönen, falschen Scheins seiner Umgebung verzweifelt und dabei immer aberwitzigere Pirouetten um sich selbst und seine Prinzipien dreht. Gerade indem Matthes seine Figur und ihre Gespreiztheiten leichtfüßig und ohne falschen Tiefsinn ernt nimmt, entfaltet sie ihre unfreiwillige Kraft. Das funktioniert nur, weil die Gegenseite, die verplauderte, renommeesüchtige, aus Langeweile intrigante, ihren sozialen Umgang permanent theatralisierende Salongesellschaft mindestens genauso komisch, aber in ihrer Amüsierfreudigkeit nicht unbedingt unsympathisch ist.

Franziska Machens als Célimène, Alcestes vergeblich angehimmeltes Sehnsuchtsobjekt, ist in ihren Selbstgenussspielen so hinreißend, dass der falsche Schein ihres Auftritts zumindest beneidenswert vital wirkt. Der Party-Marquis Clitandre (Elias Arens) und der gut gelaunt überdrehte Acaste (Jeremy Mockridge), Célimènes Nichte Èliante (komisch: Lisa Hrdina) und Alcestes Freund Philinte (Manuel Harder) geben zusammen eine hübsche Dekadenzgesellschaft der genießenden Klasse ab, die weiß, wie man formvollendet lügt und das eigene Leben in ein Spiel zur Unterhaltung des Salons verwandelt.
Anne Lenk hat Molières bittere Komödie in der verspielten Übersetzung von Jürgen Gosch und Wolfgang Wiens mit ihren beweglichen, sehr komischen gereimten Versen inszeniert. Die Aufführung ist nicht nur in ihrer Leichtigkeit, Intelligenz und schnörkellosen Klarheit ein Vergnügen. Wohltuend ist Lenks Vertrauen auf einen Klassiker, den sie ernst nimmt, und ihre Konzentration auf die Sprache und ihre Raffinessen.

In Lenks Inszenierung müssen sich die Schauspieler nicht als Diskurskommentatoren verrenken, sondern dürfen das machen, was sie am besten können, nämlich spielen. Die Bühne stammt von Florian Lösche, einem Könner, der mit seinen Räumen Atmosphären schafft. Er stellt Molières Personal in einen Kasten aus gespannten Gummiseilen, in dem die Figuren gefangen sind wie in einem weich gepolsterten Käfig. Sibylle Wallums Kostüme in Schwarz, Weiß und vielen Grautönen changieren raffiniert zwischen Rokokorüschen und -spitzen und zeitlos zeitgenössischer Popmode – willkommen in der manisch-depressiven Spaßgesellschaft.

Matthes denunziert seine Figur nicht, er zeigt Alceste als überspannten Menschen, der an der Welt des schönen, falschen Scheins seiner Umgebung verzweifelt und dabei immer aberwitzigere Pirouetten um sich selbst und seine Prinzipien dreht. Gerade indem Matthes seine Figur und ihre Gespreiztheiten leichtfüßig und ohne falschen Tiefsinn ernt nimmt, entfaltet sie ihre unfreiwillige Kraft. Das funktioniert nur, weil die Gegenseite, die verplauderte, renommeesüchtige, aus Langeweile intrigante, ihren sozialen Umgang permanent theatralisierende Salongesellschaft mindestens genauso komisch, aber in ihrer Amüsierfreudigkeit nicht unbedingt unsympathisch ist.

Franziska Machens als Célimène, Alcestes vergeblich angehimmeltes Sehnsuchtsobjekt, ist in ihren Selbstgenussspielen so hinreißend, dass der falsche Schein ihres Auftritts zumindest beneidenswert vital wirkt. Der Party-Marquis Clitandre (Elias Arens) und der gut gelaunt überdrehte Acaste (Jeremy Mockridge), Célimènes Nichte Èliante (komisch: Lisa Hrdina) und Alcestes Freund Philinte (Manuel Harder) geben zusammen eine hübsche Dekadenzgesellschaft der genießenden Klasse ab, die weiß, wie man formvollendet lügt und das eigene Leben in ein Spiel zur Unterhaltung des Salons verwandelt.
Die Zeit
Peter Kümmel, 04.04.2019
Man sehe nur Anne Lenks Inszenierung vom Molières Menschenfeind am Deutschen Theater Berlin. Hier müssen alle Spieler durch Wände aus vertikal gespannten Seilen hindurch, wenn sie auf die Bühne wollen: eine elastische Membran trennt Hinter- von Vorderwelt. Das gekonnte Hinein- und Herausschlüpfen ist die oberste Fertigkeit, die einer braucht, der bei Hof bestehen will. [...]

In Berlin entwickelt sich aus dieser Mechanik ein Theatervergnügen. Schlüpft man durch die Gummiseile hinaus, ergibt sich auf Florian Lösches Bühne ein Hologramm-Effekt: In der senkrechten Schraffur der Rückwand versickern die Menschen förmlich – und sobald ihre Kontur schwindet, werden sie auch schon vergessen. Kaum sind sie abgetreten, ist es, als hätte es sie nie gegeben. Man muss sehr wach sein, um gegen diesen Raum anzukommen, und die Spieler des DT sind es: Den Seilen entwinden sie sich wie Marionetten, die sich über ihre Fädenzieher lustig machen. Der famose Ulrich Matthes in der Rolle des Wahrhaftigkeitsberserkers Alceste ist der Anführer der brillanten Truppe. Mit seinem Radarblick durchschaut er die Welt, bis von ihr nur Staub bleibt. Allerdings versagt seine analytische Schärfe an der geliebten lasziven Célimène. Am Schluss geht Alceste, entsetzt von ihrer Zurückweisung, mit weitem Schritt für immer von der Bühne, erstarrt aber in der Bewegung, sodass seine Gestalt wie die einer Comicfigur – mit erhobenem Fluchtbein – in den Seilen hängen bleibt: als sei das schon nicht mehr der fliehende Mann, sondern nur noch sein Nachbild, das die anderen von ihm zurückbehalten. Einen so starken Abgang hat man lange nicht gesehen: Alceste, gefangen in den Membranen der Gesellschaft, die er hasst.
Man sehe nur Anne Lenks Inszenierung vom Molières Menschenfeind am Deutschen Theater Berlin. Hier müssen alle Spieler durch Wände aus vertikal gespannten Seilen hindurch, wenn sie auf die Bühne wollen: eine elastische Membran trennt Hinter- von Vorderwelt. Das gekonnte Hinein- und Herausschlüpfen ist die oberste Fertigkeit, die einer braucht, der bei Hof bestehen will. [...]

In Berlin entwickelt sich aus dieser Mechanik ein Theatervergnügen. Schlüpft man durch die Gummiseile hinaus, ergibt sich auf Florian Lösches Bühne ein Hologramm-Effekt: In der senkrechten Schraffur der Rückwand versickern die Menschen förmlich – und sobald ihre Kontur schwindet, werden sie auch schon vergessen. Kaum sind sie abgetreten, ist es, als hätte es sie nie gegeben. Man muss sehr wach sein, um gegen diesen Raum anzukommen, und die Spieler des DT sind es: Den Seilen entwinden sie sich wie Marionetten, die sich über ihre Fädenzieher lustig machen. Der famose Ulrich Matthes in der Rolle des Wahrhaftigkeitsberserkers Alceste ist der Anführer der brillanten Truppe. Mit seinem Radarblick durchschaut er die Welt, bis von ihr nur Staub bleibt. Allerdings versagt seine analytische Schärfe an der geliebten lasziven Célimène. Am Schluss geht Alceste, entsetzt von ihrer Zurückweisung, mit weitem Schritt für immer von der Bühne, erstarrt aber in der Bewegung, sodass seine Gestalt wie die einer Comicfigur – mit erhobenem Fluchtbein – in den Seilen hängen bleibt: als sei das schon nicht mehr der fliehende Mann, sondern nur noch sein Nachbild, das die anderen von ihm zurückbehalten. Einen so starken Abgang hat man lange nicht gesehen: Alceste, gefangen in den Membranen der Gesellschaft, die er hasst.
Südwest Presse
Christoph Müller, 11.04.2019
Das Berliner Deutsche Theater spielt den "Menschenfeind" in der fetzigen, spritzigen, gern auch mal bloß närrisch albernden Übersetzung von Jürgen Gosch und Wolfgang Wiens. Schon rein sprachartistisch ein rarer Hochgenuss!

Es geht Molière um einen so verbitterten wie verbiesterten Außenseiter der (Hof-)Gesellschaft [...].

Ulrich Matthes spielt diesen Tugendbold in der fulminant spitzzüngigen Inszenierung von Anne Lenk überzeugend so füchsisch schlau und maßlos um Lauterkeit beflissen, dass man als hin und her gerissener Zuschauer nie sicher sein kann: Tut er jetzt nur so hochmoralisch oder ist er wirklich der wahrste und edelste Charakter unter lauter lächerlichen Larven? Ulrich Matthes, der begnadete Charakterdarsteller, findet für alles noch so kontrovers Erscheinende genau den richtigen Ton. Und sei es nur, dass er leise lächelnd, für einen Moment fast schwach werdend, "Ooch!" haucht. Und das machen ihm seine sieben virtuosen Mitspieler, lauter tollpatschig sich verstellende bis äußerst gerissen loslegende Übertreibungskünstler, nicht gerade einfach.

Florian Lösches Bühnenbild hilft ihnen dabei, sich in gefängnishaft wirkenden Gummi-Seilen bei jedem Auf- und Abtritt heillos zu verheddern, was der aus dem Stuttgarter Petras-Ensemble gekommene Manuel Harder als einziger halbwegs wohlgesonnener Menscheinfeind-Versteher am sportlich elastischsten vorführt.
Das Berliner Deutsche Theater spielt den "Menschenfeind" in der fetzigen, spritzigen, gern auch mal bloß närrisch albernden Übersetzung von Jürgen Gosch und Wolfgang Wiens. Schon rein sprachartistisch ein rarer Hochgenuss!

Es geht Molière um einen so verbitterten wie verbiesterten Außenseiter der (Hof-)Gesellschaft [...].

Ulrich Matthes spielt diesen Tugendbold in der fulminant spitzzüngigen Inszenierung von Anne Lenk überzeugend so füchsisch schlau und maßlos um Lauterkeit beflissen, dass man als hin und her gerissener Zuschauer nie sicher sein kann: Tut er jetzt nur so hochmoralisch oder ist er wirklich der wahrste und edelste Charakter unter lauter lächerlichen Larven? Ulrich Matthes, der begnadete Charakterdarsteller, findet für alles noch so kontrovers Erscheinende genau den richtigen Ton. Und sei es nur, dass er leise lächelnd, für einen Moment fast schwach werdend, "Ooch!" haucht. Und das machen ihm seine sieben virtuosen Mitspieler, lauter tollpatschig sich verstellende bis äußerst gerissen loslegende Übertreibungskünstler, nicht gerade einfach.

Florian Lösches Bühnenbild hilft ihnen dabei, sich in gefängnishaft wirkenden Gummi-Seilen bei jedem Auf- und Abtritt heillos zu verheddern, was der aus dem Stuttgarter Petras-Ensemble gekommene Manuel Harder als einziger halbwegs wohlgesonnener Menscheinfeind-Versteher am sportlich elastischsten vorführt.
Theater heute
Franz Wille, 01.05.2019
Regisseurin Anne Lenk [blickt] im Berliner Deutschen Theater mit Molières "Menschenfeind" [...] den Herren der Schöpfung tief in ihr selbstsüchtiges Herz. Auf schmaler Rampenbühne, umschlossen von gummibandflexiblen Wänden (Florian Lösche), zeigen die zahlreichen anwesenden Salonlöwen [...] zwei Seiten derselben Medaille: ein Treibhaus der aufgeblasensten Eitelkeit mit beeindruckenden Männer-Orchideen wie Jeremy Mockridges schnöseligem Acaste, Elias Arens’ edel-verstrahltem Clitandre oder einem Oronte (Timo Weisschnur), der die banalsten selbstgedichteten Zeilen mit päpstlicher Unfehlbarkeit zelebrieren kann. [...]

Im Auge des Sturms der Eitelkeit steht tiefenentspannt das Zentrum der Begierden, Franziska Machen’s Celimène, die im Übrigen kein großes Geheimnis aus sich macht: eine sympathisch unkapriziöse, unkomplizierte junge Frau, die sich nach dem Tod ihres Mannes freut, wieder unter Menschen zu kommen, etwas Unterhaltungsspaß sucht und natürlich gefallen will. [...]

Das letzte Wort hat Manuel Harders lässiger Philinte. Der alte Freund von Alceste, der die schrillen Eigenheiten seiner Geschlechtsgenossen zunehmend mit kopfschüttelnder Nachsicht begleitet hat, will Alceste am Ende nicht ungetröstet gehen lassen. Wer seine Freunde liebt, kümmert sich um sie: der einzige Mann mit Zukunft.
Regisseurin Anne Lenk [blickt] im Berliner Deutschen Theater mit Molières "Menschenfeind" [...] den Herren der Schöpfung tief in ihr selbstsüchtiges Herz. Auf schmaler Rampenbühne, umschlossen von gummibandflexiblen Wänden (Florian Lösche), zeigen die zahlreichen anwesenden Salonlöwen [...] zwei Seiten derselben Medaille: ein Treibhaus der aufgeblasensten Eitelkeit mit beeindruckenden Männer-Orchideen wie Jeremy Mockridges schnöseligem Acaste, Elias Arens’ edel-verstrahltem Clitandre oder einem Oronte (Timo Weisschnur), der die banalsten selbstgedichteten Zeilen mit päpstlicher Unfehlbarkeit zelebrieren kann. [...]

Im Auge des Sturms der Eitelkeit steht tiefenentspannt das Zentrum der Begierden, Franziska Machen’s Celimène, die im Übrigen kein großes Geheimnis aus sich macht: eine sympathisch unkapriziöse, unkomplizierte junge Frau, die sich nach dem Tod ihres Mannes freut, wieder unter Menschen zu kommen, etwas Unterhaltungsspaß sucht und natürlich gefallen will. [...]

Das letzte Wort hat Manuel Harders lässiger Philinte. Der alte Freund von Alceste, der die schrillen Eigenheiten seiner Geschlechtsgenossen zunehmend mit kopfschüttelnder Nachsicht begleitet hat, will Alceste am Ende nicht ungetröstet gehen lassen. Wer seine Freunde liebt, kümmert sich um sie: der einzige Mann mit Zukunft.

Außerdem im Spielplan

Mit englischen Übertiteln
von Heiner Müller
Regie: Amir Reza Koohestani
Kammerspiele
20.00 - 21.30
19.30 Uhr Einführung – Bar
Mit englischen Übertiteln
von Molière
Regie: Anne Lenk
Deutsches Theater
20.00 - 21.30
Ausverkauft
Evtl. Restkarten an der Abendkasse
Limited Edition

Regime der Liebe

Komödie über Arrangements in Liebesbeziehungen
von Tanja Šljivar
Regie: Nazanin Noori
Box
20.30 - 21.50
Ausverkauft
Evtl. Restkarten an der Abendkasse