Tabula rasa: Gruppentanz und Klassenkampf

nach Carl Sternheim
Bühne Jo Schramm
Kostüme Daniela Selig
Live-Video Marlene Blumert, Kristina Trömer
Dramaturgie Claus Caesar
Live-Musik Michael Letz
Premiere 11. September 2014
Felix GoeserWilhelm Ständer
Lisa HrdinaIsolde Ständer, Nichte und Mündel von Wilhelm Ständer
Michael SchweighöferHeinrich Flocke
Daniel HoevelsArtur Flocke, Sohn von Heinrich Flocke
Natalia BelitskiNettel Flocke, Tochter von Heinrich Flocke
Christoph FrankenWerner Sturm
Jörg PosePaul Schippel
Judith HofmannBerta, Magd bei Ständer
Jürgen KuttnerDer Arzt
Michael LetzMusiker
Wilhelm Ständer
Isolde Ständer, Nichte und Mündel von Wilhelm Ständer
Heinrich Flocke
Artur Flocke, Sohn von Heinrich Flocke
Nettel Flocke, Tochter von Heinrich Flocke
Werner Sturm
Paul Schippel
Berta, Magd bei Ständer
Der Arzt
Musiker
nachtkritik.de
Sophie Diesselhorst, 12.09.2014
Man kann seine Neigungen weit schweifen lassen, hat der Sternheim-Protagonist Wilhelm Ständer da gesagt, und trotzdem ein prima Sozialdemokrat sein. Begriffe sind für Ständer so dehnbar wie die enge rote Badehose, in der er steckt. Kühnel / Kuttner lassen Sternheims Stück in einem Schwimmbad spielen, was ein wunderbares Bild ist, weil es zu vielen kleinen, feinen Assoziationen anstiftet, ohne erschlagend plakativ zu sein. Außerdem ist die Akustik im Schwimmbad gut, und die vielen roten Lieder (bis hin zum "Kleinen Trompeter"), die der immer wieder sich in die Stückhandlung einmischende Chor anstimmt, entfalten Sozial-Romantik. Vor diesen schönen Hintergründen werden Sternheims Figuren von einem ausnahmslos superb aufspielenden Ensemble gutgelaunt zu Karikaturen geformt, denen gerade noch genug Menschliches anhaftet. Man kann seine Neigungen weit schweifen lassen, hat der Sternheim-Protagonist Wilhelm Ständer da gesagt, und trotzdem ein prima Sozialdemokrat sein. Begriffe sind für Ständer so dehnbar wie die enge rote Badehose, in der er steckt. Kühnel / Kuttner lassen Sternheims Stück in einem Schwimmbad spielen, was ein wunderbares Bild ist, weil es zu vielen kleinen, feinen Assoziationen anstiftet, ohne erschlagend plakativ zu sein. Außerdem ist die Akustik im Schwimmbad gut, und die vielen roten Lieder (bis hin zum "Kleinen Trompeter"), die der immer wieder sich in die Stückhandlung einmischende Chor anstimmt, entfalten Sozial-Romantik. Vor diesen schönen Hintergründen werden Sternheims Figuren von einem ausnahmslos superb aufspielenden Ensemble gutgelaunt zu Karikaturen geformt, denen gerade noch genug Menschliches anhaftet.
Berliner Zeitung
Ulrich Seidler, 11.09.2014
Für Kuttner und Kühnel ist die Karriere der Sozialdemokratie von der revolutionären Bewegung zur parlamentarischen Partei ein Niedergang. Machtkorrumpiert und angetrieben von der Furcht als vaterlandslose Gesellen dazustehen, stimmte die Fraktion im Sommer 1914 für die Kriegskredite − und zwar keine Woche, nachdem sie "flammenden Protest gegen das verbrecherische Treiben der Kriegshetzer" erhoben hatte (Sebastian Haffner im Programmheft).

Und Kuttner, der seine Inszenierungen wie stets mit einer höchstpersönlich hingebretterten Stand-up-Suada schmückt, führt als ästhetisches Gleichnis der grassierenden Versozialdemokratisierung ein Video vor: die gnadenlose Verhunzung des Black-Sabbath-Klassikers "Paranoid" durch die deutsche Version "Der Hund von Baskerville", dargeboten von Cindy und Bert. Die ruckartige Mimik des Letzteren, so vermutet Kuttner, werde von Moskau aus mit einem alten, noch nicht stufenlos verstellbaren Modelleisenbahntransformator gesteuert.

Was gibt’s noch? Zum Beispiel den "Chor der Freischwimmer der Glaswerke Rodau", der mit marthaleresker Mattigkeit unter der Leitung von Michael Letz (E-Piano, Anglerhut) zart-resignatives Bademantel-Arbeiterliedgut darbietet. Eine knall-komische Probe zu Wagners "Ring", einstudiert zum Betriebsjubiläum von Daniel Hoevels, der bei aller Emphase nie nie nie vergisst, den Stolz auf seinen splissigen Mittelscheitel und seine Karottenmarmorjeans mitzuspielen. Hübsch aber auch die Anteilnahme des Kollektivs beim Fernsehen: Gesendet wird das Schicksal eines erblindeten, bettlägerigen Revolutionärs, der eine verspätete Liebeserklärung abgibt, seine Erlebnisse in einem sozialistisch-realistischen Erbauungsroman schildert und dann das Manuskript verliert. Richtig: Das ist Pawel Kortschagin aus Ostrowskis "Wie der Stahl gehärtet wurde". Auch so ein Arbeiterheld.
Für Kuttner und Kühnel ist die Karriere der Sozialdemokratie von der revolutionären Bewegung zur parlamentarischen Partei ein Niedergang. Machtkorrumpiert und angetrieben von der Furcht als vaterlandslose Gesellen dazustehen, stimmte die Fraktion im Sommer 1914 für die Kriegskredite − und zwar keine Woche, nachdem sie "flammenden Protest gegen das verbrecherische Treiben der Kriegshetzer" erhoben hatte (Sebastian Haffner im Programmheft).

Und Kuttner, der seine Inszenierungen wie stets mit einer höchstpersönlich hingebretterten Stand-up-Suada schmückt, führt als ästhetisches Gleichnis der grassierenden Versozialdemokratisierung ein Video vor: die gnadenlose Verhunzung des Black-Sabbath-Klassikers "Paranoid" durch die deutsche Version "Der Hund von Baskerville", dargeboten von Cindy und Bert. Die ruckartige Mimik des Letzteren, so vermutet Kuttner, werde von Moskau aus mit einem alten, noch nicht stufenlos verstellbaren Modelleisenbahntransformator gesteuert.

Was gibt’s noch? Zum Beispiel den "Chor der Freischwimmer der Glaswerke Rodau", der mit marthaleresker Mattigkeit unter der Leitung von Michael Letz (E-Piano, Anglerhut) zart-resignatives Bademantel-Arbeiterliedgut darbietet. Eine knall-komische Probe zu Wagners "Ring", einstudiert zum Betriebsjubiläum von Daniel Hoevels, der bei aller Emphase nie nie nie vergisst, den Stolz auf seinen splissigen Mittelscheitel und seine Karottenmarmorjeans mitzuspielen. Hübsch aber auch die Anteilnahme des Kollektivs beim Fernsehen: Gesendet wird das Schicksal eines erblindeten, bettlägerigen Revolutionärs, der eine verspätete Liebeserklärung abgibt, seine Erlebnisse in einem sozialistisch-realistischen Erbauungsroman schildert und dann das Manuskript verliert. Richtig: Das ist Pawel Kortschagin aus Ostrowskis "Wie der Stahl gehärtet wurde". Auch so ein Arbeiterheld.
taz
Esther Slevogt, 11.09.2014
Die Bühne ist schon mal toll. Ein richtiges Schwimmbad hat Jo Schramm da in das Deutsche Theater gebaut. Rechts und links hübsch-hässliche Mosaikwände bis ganz hoch hinauf. Und als der Schauspieler Felix Goeser, der die Hauptfigur Wilhelm Ständer spielt, mit Halbglatze und schütterem Lagerfeldzopf die Szene betritt, hechtet er erst mal in den Pool und durchpflügt ihn machohaft. Der erste Szenenapplaus am Donnerstag bei der Premiere von "Tabula rasa: Gruppentanz und Klassenkampf". Die Badehose ist rot. Denn das ist die Signalfarbe des Abends, der sich die Sozialdemokratie vorgeknöpft hat. (...)

Handwerklich ist der Abend fantastisch gearbeitet, die Schauspieler sind toll und auch Kuttners Suada über das historische Versagen der SPD anhand eines alten Musikvideos von Cindy & Bert, das er in Manier seiner Videoschnipselabende in der Volksbühne als SPD-Wahlclip deutet, ist wahnsinnig komisch.
Die Bühne ist schon mal toll. Ein richtiges Schwimmbad hat Jo Schramm da in das Deutsche Theater gebaut. Rechts und links hübsch-hässliche Mosaikwände bis ganz hoch hinauf. Und als der Schauspieler Felix Goeser, der die Hauptfigur Wilhelm Ständer spielt, mit Halbglatze und schütterem Lagerfeldzopf die Szene betritt, hechtet er erst mal in den Pool und durchpflügt ihn machohaft. Der erste Szenenapplaus am Donnerstag bei der Premiere von "Tabula rasa: Gruppentanz und Klassenkampf". Die Badehose ist rot. Denn das ist die Signalfarbe des Abends, der sich die Sozialdemokratie vorgeknöpft hat. (...)

Handwerklich ist der Abend fantastisch gearbeitet, die Schauspieler sind toll und auch Kuttners Suada über das historische Versagen der SPD anhand eines alten Musikvideos von Cindy & Bert, das er in Manier seiner Videoschnipselabende in der Volksbühne als SPD-Wahlclip deutet, ist wahnsinnig komisch.
Deutschlandradio Kultur - Fazit
Eva Behrendt, 11.09.2014
Sein Theaterstück "Tabula rasa" verstand Carl Sternheim 1915 als höhnischen Kommentar auf die SPD. Die Inszenierung im Deutschen Theater zeigt: Einige der scharfen Beobachtungen sind von unbegrenzter Gültigkeit.

Der Mann steht da wie ein junger Gott: Wilhelm Ständer, Arbeiter, Glasbläser, Sozialdemokrat, posiert nackt bis auf die rote Badehose vor einem kathedralenhohen Lenin-Mosaik und ist im Begriff, sich kopfüber ins Becken des imposanten Betriebsschwimmbads der Rodauer Glaswerke zu stürzen. Der Schauspieler Felix Goeser springt und schwimmt als Ständer drei Bahnen – zur Freude der Zuschauer im Deutschen Theater, die lachend erkennen, dass die Wassertiefe auf der Bühne allenfalls 20 Zentimeter misst.

Ein Fake ist nicht nur das Bad (Bühne: Jo Schramm), sondern der ganze Sozialdemokrat Ständer, den Carl Sternheim 1915 in "Tabula rasa" entwarf – nicht zuletzt als höhnischen Kommentar auf die Partei, die sich im Juli 1914 gegen ihre Überzeugungen vor den Kriegskarren hatte spannen lassen. Tom Kühnel und Jürgen Kuttner, die fast schon traditionell die Spielzeit am Deutschen Theater miteröffnen, benutzen die böse Komödie um den schlauen Arbeiter, der längst ein bourgeoises Leben führt und dies vor der Fabrikbelegschaft verbergen muss, für eine bei aller Polemik doch ziemlich nostalgische Rückschau auf 100 Jahre Links-Sein: Sternheims Stück wird ergänzt und erweitert mit historischem Material aus der Ostrowsksi-Verfilmung "Wie der Stahl gehärtet wurde", ein "Chor der Freischwimmer" singt Arbeiterlieder vom "Roten Wedding" und "Kleinen Trompeter", und der Schauspieler Jörg Pose ruft aus der ersten Reihe immer mal wieder Fragen ins Stück: "Was war links eigentlich noch mal – lange Haare?"
Sein Theaterstück "Tabula rasa" verstand Carl Sternheim 1915 als höhnischen Kommentar auf die SPD. Die Inszenierung im Deutschen Theater zeigt: Einige der scharfen Beobachtungen sind von unbegrenzter Gültigkeit.

Der Mann steht da wie ein junger Gott: Wilhelm Ständer, Arbeiter, Glasbläser, Sozialdemokrat, posiert nackt bis auf die rote Badehose vor einem kathedralenhohen Lenin-Mosaik und ist im Begriff, sich kopfüber ins Becken des imposanten Betriebsschwimmbads der Rodauer Glaswerke zu stürzen. Der Schauspieler Felix Goeser springt und schwimmt als Ständer drei Bahnen – zur Freude der Zuschauer im Deutschen Theater, die lachend erkennen, dass die Wassertiefe auf der Bühne allenfalls 20 Zentimeter misst.

Ein Fake ist nicht nur das Bad (Bühne: Jo Schramm), sondern der ganze Sozialdemokrat Ständer, den Carl Sternheim 1915 in "Tabula rasa" entwarf – nicht zuletzt als höhnischen Kommentar auf die Partei, die sich im Juli 1914 gegen ihre Überzeugungen vor den Kriegskarren hatte spannen lassen. Tom Kühnel und Jürgen Kuttner, die fast schon traditionell die Spielzeit am Deutschen Theater miteröffnen, benutzen die böse Komödie um den schlauen Arbeiter, der längst ein bourgeoises Leben führt und dies vor der Fabrikbelegschaft verbergen muss, für eine bei aller Polemik doch ziemlich nostalgische Rückschau auf 100 Jahre Links-Sein: Sternheims Stück wird ergänzt und erweitert mit historischem Material aus der Ostrowsksi-Verfilmung "Wie der Stahl gehärtet wurde", ein "Chor der Freischwimmer" singt Arbeiterlieder vom "Roten Wedding" und "Kleinen Trompeter", und der Schauspieler Jörg Pose ruft aus der ersten Reihe immer mal wieder Fragen ins Stück: "Was war links eigentlich noch mal – lange Haare?"

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