Ödipus Stadt

von Sophokles, Euripides, Aischylos
Premiere 31. August 2012
Ulrich MatthesÖdipus
Susanne WolffKreon
Barbara SchnitzlerIokaste
Bernd StempelTeiresias
Katrin WichmannAntigone
Elias ArensEteokles / Bote aus Korinth
Moritz GrovePolyneikes / Hirte / Wächter
Thorsten HierseMenoikeus / Haimon
Felicitas MadlIsmene / Knappe von Eteokles
Ödipus
Teiresias
Antigone
Eteokles / Bote aus Korinth
Polyneikes / Hirte / Wächter
Menoikeus / Haimon
Ismene / Knappe von Eteokles
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Irene Bazinger, 03.09.2012
In einem plausibel einstudierten, vehementen Minimalismus werden Worte, Blicke, Gesten wie Schwerter gekreuzt, die Emotionen schlagen Funken. Ulrich Matthes als Ödipus etwa baut seine Reden zu Hörspielen voller Hochmut, Panik und Grauen aus. (...) Stets leistet ihm sein Schwager Kreon Beistand, der in Kimmigs Inszenierung zur vielschichtigsten Figur gerät. In allem scheint der das Gegenteil des Ödipus zu sein: schwarz gewandet, von einer Frau gespielt und zumindest am Anfang rational und bodenständig. Susanne Wolff zeigt diesen bald aufsteigenden Politprofi aus der zweiten Reihe mit famoser Lust an der eitlen Raserei, die sich bis zur selbstzerstörerischen Egomanie hochschaukelt. (...)

Die Aufführung, die bewusst distanziert begann, steigert sich am Schluss in einen flammenden Appell: Nicht lügen! Nicht wegschauen! Das ist naiv gedacht, doch überzeugend umgesetzt. Denn Kimmigs Inszenierung lebt nicht von einem zivilisationskritischen Konzept, sondern von der Demut gegenüber den antiken Stoffen und einem eindrucksvollen Ensemble.
In einem plausibel einstudierten, vehementen Minimalismus werden Worte, Blicke, Gesten wie Schwerter gekreuzt, die Emotionen schlagen Funken. Ulrich Matthes als Ödipus etwa baut seine Reden zu Hörspielen voller Hochmut, Panik und Grauen aus. (...) Stets leistet ihm sein Schwager Kreon Beistand, der in Kimmigs Inszenierung zur vielschichtigsten Figur gerät. In allem scheint der das Gegenteil des Ödipus zu sein: schwarz gewandet, von einer Frau gespielt und zumindest am Anfang rational und bodenständig. Susanne Wolff zeigt diesen bald aufsteigenden Politprofi aus der zweiten Reihe mit famoser Lust an der eitlen Raserei, die sich bis zur selbstzerstörerischen Egomanie hochschaukelt. (...)

Die Aufführung, die bewusst distanziert begann, steigert sich am Schluss in einen flammenden Appell: Nicht lügen! Nicht wegschauen! Das ist naiv gedacht, doch überzeugend umgesetzt. Denn Kimmigs Inszenierung lebt nicht von einem zivilisationskritischen Konzept, sondern von der Demut gegenüber den antiken Stoffen und einem eindrucksvollen Ensemble.
Der Tagesspiegel
Peter von Becker, 02.09.2012
Es ist ein Familienfluchdrama wie das der Atriden, ein Inzestkrimi, ein Kriegsstück und am Ende der Diskurs über Staatsraison, Religion, Kinderglaube (weil Antigone gegen den weltlichen Gesetz des neuen Herrschers Kreon ihren als Rebell gefallenen Bruder Polyneikes bestatten will) – auch über Recht und Freiheit, Schuld und Sühne. Und nichts kommt zu kurz, trotz aller Kürzungen in den Texten. Das macht die Intelligenz dieses Abends. Es ist ein Familienfluchdrama wie das der Atriden, ein Inzestkrimi, ein Kriegsstück und am Ende der Diskurs über Staatsraison, Religion, Kinderglaube (weil Antigone gegen den weltlichen Gesetz des neuen Herrschers Kreon ihren als Rebell gefallenen Bruder Polyneikes bestatten will) – auch über Recht und Freiheit, Schuld und Sühne. Und nichts kommt zu kurz, trotz aller Kürzungen in den Texten. Das macht die Intelligenz dieses Abends.
Neues Deutschland
Hans Dieter Schütt, 03.09.2012
Ihre ganz große Erregenszeit erreicht die Inszenierung jedes Mal, wenn Sven Lehmanns blinder Seher Teiresias die Bühne betritt. Der Blindenstock zerfaucht die Luft; Lehmann schlägt mit brüchig-rauer Stimme einen eisernen Reif der Warnung um die Geschichts- und Heldengier dieser Welt. Aus diesem Schiefmund kommt das Wort des Einsamsten – der immer nur Liebe und Leben sagen, aber, nach der Wahrheit gefragt, nur Hass und Tod brüllen muss. Beklemmend, thrillerspannend auch der Schluss, die Tragödie um Antigone, die ihren Bruder nicht begraben darf. Und es dennoch tut. Katrin Wichmann gegen Susanne Wolff. Wolff bietet eine grandiose Verzögerungsleistung. Sie ist Kreon, Thronfolger der Ödipus, und in dieser Rolle zunächst lange und geduldig ein bedenkender, quasi total gedimmter Ratgeber. Die Schöne – als trüge sie schwere, schaufelnde Manneshände bis in alle Körperfasern hinein. Wenig Regung. Dann aber als Kreon mit Krone: Die Wolff explodiert in alle Facetten eines fiesen, verunsicherten, zerstörten wie fassungsharten Machteisblockes – dessen Zynismus darin gipfelt, den eigenen Kreonismus grimassierend zu parodieren. Ein wahnsinnstolles Stück Spiel, in dem ein Regent langsam ins Rückgratlose, Haltlose hinein verkrüppelt. Ihre ganz große Erregenszeit erreicht die Inszenierung jedes Mal, wenn Sven Lehmanns blinder Seher Teiresias die Bühne betritt. Der Blindenstock zerfaucht die Luft; Lehmann schlägt mit brüchig-rauer Stimme einen eisernen Reif der Warnung um die Geschichts- und Heldengier dieser Welt. Aus diesem Schiefmund kommt das Wort des Einsamsten – der immer nur Liebe und Leben sagen, aber, nach der Wahrheit gefragt, nur Hass und Tod brüllen muss. Beklemmend, thrillerspannend auch der Schluss, die Tragödie um Antigone, die ihren Bruder nicht begraben darf. Und es dennoch tut. Katrin Wichmann gegen Susanne Wolff. Wolff bietet eine grandiose Verzögerungsleistung. Sie ist Kreon, Thronfolger der Ödipus, und in dieser Rolle zunächst lange und geduldig ein bedenkender, quasi total gedimmter Ratgeber. Die Schöne – als trüge sie schwere, schaufelnde Manneshände bis in alle Körperfasern hinein. Wenig Regung. Dann aber als Kreon mit Krone: Die Wolff explodiert in alle Facetten eines fiesen, verunsicherten, zerstörten wie fassungsharten Machteisblockes – dessen Zynismus darin gipfelt, den eigenen Kreonismus grimassierend zu parodieren. Ein wahnsinnstolles Stück Spiel, in dem ein Regent langsam ins Rückgratlose, Haltlose hinein verkrüppelt.
Frankfurter Rundschau
Dirk Pilz, 03.09.2012
Entscheidend ist deshalb das Sprechen der Antigone. Sie ist bei Katrin Wichmann weder Trotzgöre noch Sturköpfige, sondern eine Eigenmischung aus Spott und Sarkasmus, Wut, Verzweiflung, auch Verachtung. Ihr gehören die letzten Worte des Abends; es ist ein Aufruf zur Rebellion, „gegen eure Lügen“. Eure, das sind : Kreon & Co., sind wir Zuschauer, sind alle Herrscher um des Herrschens willen, sind die Verräter der Gerechtigkeit. Antigone ist an diesem Abend die eigentliche Hauptfigur, auf sie läuft alles hinaus. Sie macht tabula rasa mit allen Herrschaftsformen. Erhebt euch!, ist ihr Kampfspruch. Entscheidend ist deshalb das Sprechen der Antigone. Sie ist bei Katrin Wichmann weder Trotzgöre noch Sturköpfige, sondern eine Eigenmischung aus Spott und Sarkasmus, Wut, Verzweiflung, auch Verachtung. Ihr gehören die letzten Worte des Abends; es ist ein Aufruf zur Rebellion, „gegen eure Lügen“. Eure, das sind : Kreon & Co., sind wir Zuschauer, sind alle Herrscher um des Herrschens willen, sind die Verräter der Gerechtigkeit. Antigone ist an diesem Abend die eigentliche Hauptfigur, auf sie läuft alles hinaus. Sie macht tabula rasa mit allen Herrschaftsformen. Erhebt euch!, ist ihr Kampfspruch.
Stuttgarter Zeitung
Roland Müller, 03.09.2012
Dieser Ödipus ist ein sehniger und hagerer Asket, der eigentlich alles durchschauen und durchdringen müsste. Sein Blick ist stechend und bohrend, finster und unerbittlich, nichts dürfte diesem Augenpaar entgehen. Und doch übersieht der thebanische Herrscher das Wesentliche, er ist blind für den von Göttern über ihn verhängten Fluch, der sich mit dem Mord an seinem Vater zu erfüllen beginnt. Wenn sich Matthes/Ödipus an den Totschlag erinnert, fiebert er sich in einen Gewaltrausch, der seinen ganzen Asketenleib zum Beben bringt. Und wenn er sich ob der endlich erkannten Tragik die Augen aussticht, bricht aus seinem aufgerissenen Mund ein stummer Schrei aus, höhlenhaft grässlich und leer wie bei Edvard Munch. Bei allem Jähzorn hier, bei allem Wimmern da – nie unterläuft Matthes auch nur ein falscher Ton, immer beglaubigt er mit allen Fasern das unermessliche Leid, dessen er sich gerade inne wird. Dieser Ödipus ist ein sehniger und hagerer Asket, der eigentlich alles durchschauen und durchdringen müsste. Sein Blick ist stechend und bohrend, finster und unerbittlich, nichts dürfte diesem Augenpaar entgehen. Und doch übersieht der thebanische Herrscher das Wesentliche, er ist blind für den von Göttern über ihn verhängten Fluch, der sich mit dem Mord an seinem Vater zu erfüllen beginnt. Wenn sich Matthes/Ödipus an den Totschlag erinnert, fiebert er sich in einen Gewaltrausch, der seinen ganzen Asketenleib zum Beben bringt. Und wenn er sich ob der endlich erkannten Tragik die Augen aussticht, bricht aus seinem aufgerissenen Mund ein stummer Schrei aus, höhlenhaft grässlich und leer wie bei Edvard Munch. Bei allem Jähzorn hier, bei allem Wimmern da – nie unterläuft Matthes auch nur ein falscher Ton, immer beglaubigt er mit allen Fasern das unermessliche Leid, dessen er sich gerade inne wird.
Süddeutsche Zeitung
Peter Laudenbach, 03.09.2012
Wie das aussehen kann führt Ulrich Matthes als unschuldig schuldig gewordener König Ödipus im ersten Teil des Abends atemberaubend vor. Wir folgen ihm bei seiner Denk- und Erkenntnisbewegung in den Abgrund. Wenn Matthes als Ödipus seine Frau Iokaste (schön herb und unverschnörkelt: Barbara Schnitzler), von der er noch nicht weiß, dass sie seine Mutter ist, eher grob und heftig küsst; oder wenn er im Nachgenuss des Triumphes mit aufblitzenden Augen erzählt, wie er einst einen Reisenden erschlagen hat, von dem er noch nicht weiß, dass es der eigene Vater war – da will man beim Zusehen vor Faszination und Beklemmung die Zeit anhalten. Matthes spielt das unsentimental, genau, auch hart, ohne jede vorgeführte Ergriffenheit. Wie das aussehen kann führt Ulrich Matthes als unschuldig schuldig gewordener König Ödipus im ersten Teil des Abends atemberaubend vor. Wir folgen ihm bei seiner Denk- und Erkenntnisbewegung in den Abgrund. Wenn Matthes als Ödipus seine Frau Iokaste (schön herb und unverschnörkelt: Barbara Schnitzler), von der er noch nicht weiß, dass sie seine Mutter ist, eher grob und heftig küsst; oder wenn er im Nachgenuss des Triumphes mit aufblitzenden Augen erzählt, wie er einst einen Reisenden erschlagen hat, von dem er noch nicht weiß, dass es der eigene Vater war – da will man beim Zusehen vor Faszination und Beklemmung die Zeit anhalten. Matthes spielt das unsentimental, genau, auch hart, ohne jede vorgeführte Ergriffenheit.

Podcast 'Ödipus Stadt'

Kapitalisten von der traurigen Gestalt

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In englischer Sprache
Gastspiel

The Evil

von Jan Guillou
Mit: Claes Bang
Regie: Julie Pauline Wieth
Nachgespräch mit Claes Bang
Box
15.00 - 16.05
Mit englischen Übertiteln
nach James Joyce
Deutsches Theater
19.00 - 22.50
18.30 Einführung – Saal
In englischer Sprache
Gastspiel

The Evil

von Jan Guillou
Mit: Claes Bang
Regie: Julie Pauline Wieth
Box
19.00 - 20.05
Mit englischen Übertiteln
von Ewald Palmetshofer nach Gerhart Hauptmann
Kammerspiele
19.30 - 21.55