Der Freund krank

von Nis-Momme Stockmann
Bühne und Kostüme Nicole Timm
Dramaturgie Juliane Koepp
Premiere 22. Februar 2014
Moritz Grove
Daniel Hoevels
Kathleen Morgeneyer
Martin Otting
nachtkritik.de
Georg Kasch, 23.02.2014
Dass der so popliterarisch lustig quasselnde Antiheld nicht nur sozial einen Sprung in der Schüssel, sondern auch Dreck am Stecken hat, deutet sich allmählich an. Überhaupt gibt's viele schöne ambivalente Momente, und noch schöner ist, wie Regisseur Milan Peschel sie ebenso ambivalent auskostet. Zum Beispiel, indem bei ihm Moritz Grove und Daniel Hoevels die Erzählerfigur spielen. Natürlich bietet sich an, die Rolle auf mehrere Schauspieler aufzuteilen – bei der Frankfurter Uraufführung vor knapp zwei Jahren waren es gleich drei. Aber wie die beiden sich durch ihren gemeinsamen Text diskutieren, Reflexion und Beobachtung in einen Dialog treten lassen als verschiedene Züge eines Charakters, löst spielerisch das Prosa-Problem und setzt auch noch ein paar interpretatorische Häkchen. (...)

Peschel erzählt das alles für seine Verhältnisse erstaunlich ruhig und konzentriert, mit einem klugen Rhythmus zwischen Prosa und Dialogen – an dem Dramaturgin Juliane Koepp ihren Anteil haben dürfte wie Ausstatterin Nicole Timm an den starken Bildern: Hinten führt die Asphaltspur eines schwarzweißen Landstraßenfotos ins Nirgendwo: B1 und Route 66, grenzenlose Freiheit und grenzenloser Autobahn-Kapitalismus. Einmal bläst sich ein greisenhafter Riesensäugling auf, der bebt, als atmete er (er könnte ebenso Noras ungeborenes Kind sein wie Mirkos dahinvegetierendes Selbst oder die verkrüppelte Seele des Erzählers). Irgendwann kommen die Schauspieler tatsächlich als Wildwest-Glücksritter auf die Bühne. Es pulst eine große Sehnsucht durch Stockmanns Text. Bei Peschel und seinem Ensemble ist sie ziemlich gut aufgehoben.
Dass der so popliterarisch lustig quasselnde Antiheld nicht nur sozial einen Sprung in der Schüssel, sondern auch Dreck am Stecken hat, deutet sich allmählich an. Überhaupt gibt's viele schöne ambivalente Momente, und noch schöner ist, wie Regisseur Milan Peschel sie ebenso ambivalent auskostet. Zum Beispiel, indem bei ihm Moritz Grove und Daniel Hoevels die Erzählerfigur spielen. Natürlich bietet sich an, die Rolle auf mehrere Schauspieler aufzuteilen – bei der Frankfurter Uraufführung vor knapp zwei Jahren waren es gleich drei. Aber wie die beiden sich durch ihren gemeinsamen Text diskutieren, Reflexion und Beobachtung in einen Dialog treten lassen als verschiedene Züge eines Charakters, löst spielerisch das Prosa-Problem und setzt auch noch ein paar interpretatorische Häkchen. (...)

Peschel erzählt das alles für seine Verhältnisse erstaunlich ruhig und konzentriert, mit einem klugen Rhythmus zwischen Prosa und Dialogen – an dem Dramaturgin Juliane Koepp ihren Anteil haben dürfte wie Ausstatterin Nicole Timm an den starken Bildern: Hinten führt die Asphaltspur eines schwarzweißen Landstraßenfotos ins Nirgendwo: B1 und Route 66, grenzenlose Freiheit und grenzenloser Autobahn-Kapitalismus. Einmal bläst sich ein greisenhafter Riesensäugling auf, der bebt, als atmete er (er könnte ebenso Noras ungeborenes Kind sein wie Mirkos dahinvegetierendes Selbst oder die verkrüppelte Seele des Erzählers). Irgendwann kommen die Schauspieler tatsächlich als Wildwest-Glücksritter auf die Bühne. Es pulst eine große Sehnsucht durch Stockmanns Text. Bei Peschel und seinem Ensemble ist sie ziemlich gut aufgehoben.
Der Tagesspiegel
Christine Wahl, 24.02.2014
im Vergleich zu Peschels Vorgänger-Arbeiten geht diese fast schon als Psychodrama durch. Wohlgemerkt ohne, dass man mit Pseudo-Sentimentalität oder jenen virulenten Prekariatsklischees behelligt wird, die weniger über das darzustellende Milieu aussagen als über den Horizont des Regisseurs.

Der größte Glücksfall von Peschels Kammerinszenierung ist dabei Kathleen Morgeneyer. Die wechselnden Energieschübe und Verzweiflungszusammenbrüche, die diese Schauspielerin aus ihrer Nora herausholt – einer Art Kobold mit leicht angeprollter Schwarzhaarperücke zum blauen Unschuldskleidchen – treffen auch nach zwei Stunden noch ins Mark. (...)

Wie Stockmanns Text strebt auch Peschels Inszenierung bei alledem aus dem trostlosen B1-Kaff hinaus ins Universelle: Das einsame amerikanische Haus im Stil Edward Hoppers, das Nicole Timm auf die Drehbühne gebaut hat, verströmt die Depression und den Anticharme des globalen Kapitalismus. Zudem lagert im Bühnenhintergrund eine überdimensionale aufblasbare Babypuppe mit fiesem Altherrengesicht, aus der die Luft entweicht. Auch von diesem Inbegriff der Trostlosigkeit, den man als schlimmstmögliche Symbiose aus Noras ungeborenem Kind und dessen frühvergreistem Vater Mirko lesen kann, lässt sich leider nicht behaupten, dass er auf deutsche Kleinstädte beschränkt bliebe.
im Vergleich zu Peschels Vorgänger-Arbeiten geht diese fast schon als Psychodrama durch. Wohlgemerkt ohne, dass man mit Pseudo-Sentimentalität oder jenen virulenten Prekariatsklischees behelligt wird, die weniger über das darzustellende Milieu aussagen als über den Horizont des Regisseurs.

Der größte Glücksfall von Peschels Kammerinszenierung ist dabei Kathleen Morgeneyer. Die wechselnden Energieschübe und Verzweiflungszusammenbrüche, die diese Schauspielerin aus ihrer Nora herausholt – einer Art Kobold mit leicht angeprollter Schwarzhaarperücke zum blauen Unschuldskleidchen – treffen auch nach zwei Stunden noch ins Mark. (...)

Wie Stockmanns Text strebt auch Peschels Inszenierung bei alledem aus dem trostlosen B1-Kaff hinaus ins Universelle: Das einsame amerikanische Haus im Stil Edward Hoppers, das Nicole Timm auf die Drehbühne gebaut hat, verströmt die Depression und den Anticharme des globalen Kapitalismus. Zudem lagert im Bühnenhintergrund eine überdimensionale aufblasbare Babypuppe mit fiesem Altherrengesicht, aus der die Luft entweicht. Auch von diesem Inbegriff der Trostlosigkeit, den man als schlimmstmögliche Symbiose aus Noras ungeborenem Kind und dessen frühvergreistem Vater Mirko lesen kann, lässt sich leider nicht behaupten, dass er auf deutsche Kleinstädte beschränkt bliebe.
Berliner Morgenpost
Kathrin Pauly, 24.02.2014
Das erzählende "Ich", das längst woanders lebt, besucht die zwei und damit seine ganze Vergangenheit. Dass er dabei auch noch Geschäftliches im Sinn hat und en passant die halbe Stadt aufkauft, zeichnet sich erst spät ab. Peschel legt den Fokus hier ganz klar aufs Private. Das funktioniert, mal abgesehen von ein paar überzeichneten Ausreißerszenen, sehr gut, denn er hat, zusammen mit seiner Dramaturgin Juliane Koepp und den Darstellern, einen überzeugenden Dreh gefunden, dieses starke, aber sperrige 160-Seiten-Textmassiv, das ein einziger großer Ich-Prosa-Schwall ist, unter Kontrolle zu bekommen: Den erzählenden "Ich"-Heimkehrer splittet er auf zwei Personen auf. Der ursprünglich nicht-handelnde Erzähler wird, da er jetzt auch dialogisch agiert, plötzlich zum Handelnden. Moritz Grove und Daniel Hoevels spielen dieses Doppel-Ego stark und klar und mit viel Sinn für den situativen Witz, der sich aus dieser Konstruktion des Quasi-Selbstgesprächs ergibt. Auch die Rolle des vegetierenden Mirko wird abwechselnd von beiden übernommen, was wiederum den Spielraum eröffnet, dass dieser ebenfalls nur eine Ego-Facette des Erzählers selbst darstellt. Das erzählende "Ich", das längst woanders lebt, besucht die zwei und damit seine ganze Vergangenheit. Dass er dabei auch noch Geschäftliches im Sinn hat und en passant die halbe Stadt aufkauft, zeichnet sich erst spät ab. Peschel legt den Fokus hier ganz klar aufs Private. Das funktioniert, mal abgesehen von ein paar überzeichneten Ausreißerszenen, sehr gut, denn er hat, zusammen mit seiner Dramaturgin Juliane Koepp und den Darstellern, einen überzeugenden Dreh gefunden, dieses starke, aber sperrige 160-Seiten-Textmassiv, das ein einziger großer Ich-Prosa-Schwall ist, unter Kontrolle zu bekommen: Den erzählenden "Ich"-Heimkehrer splittet er auf zwei Personen auf. Der ursprünglich nicht-handelnde Erzähler wird, da er jetzt auch dialogisch agiert, plötzlich zum Handelnden. Moritz Grove und Daniel Hoevels spielen dieses Doppel-Ego stark und klar und mit viel Sinn für den situativen Witz, der sich aus dieser Konstruktion des Quasi-Selbstgesprächs ergibt. Auch die Rolle des vegetierenden Mirko wird abwechselnd von beiden übernommen, was wiederum den Spielraum eröffnet, dass dieser ebenfalls nur eine Ego-Facette des Erzählers selbst darstellt.

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Mit englischen Übertiteln
nach Anton Tschechow
Deutsches Theater
19.00 - 21.00
18.30 Einführung – Saal
Ausverkauft
Evtl. Restkarten an der Abendkasse
BERLIN-PREMIERE
Showcase Beat Le Mot nach den Gebrüdern Grimm
Premierenparty – Bar und Foyer Kammerspiele
Kammerspiele
19.00 - 21.00
Eine Inszenierung des Jungen DT

Tigermilch

nach dem Roman von Stefanie de Velasco
Box
19.30 - 21.05
Ausverkauft
Evtl. Restkarten an der Abendkasse