Clavigo

nach Johann Wolfgang Goethe
„Every bad situation is a blues song waiting to happen.“
Amy Winehouse
Berlin-Premiere am 13. November 2015
Koproduktion mit den Salzburger Festspielen
Susanne WolffClavigo
Moritz GroveCarlos
Kathleen MorgeneyerBeaumarchais
Marcel KohlerMarie Beaumarchais
Franziska MachensBuenco
Clavigo
Carlos
Beaumarchais
Marie Beaumarchais
Die Welt
Marcus Woeller, 29.07.2015
Stephan Kimmig hat dem Stück den Staub aus den Kostümen geklopft, es entschlackt, gestrippt und wieder angekleidet, mit Goethe-Zitaten, Spoken-Word-Performances, Videoprojektionen und Elektro-Beats. Er hat "Clavigo" in die Gegenwart geholt. Und wo könnte ein Spiel um Karrieristen, Freiheitsdrang und Ich-Bezogenheit besser stattfinden als auf dem Feld der Kunst? Man weiß nicht, was für eine Art Künstlerin diese Clavigo nun ist. Performerin? Pop-Star? It Girl? Die charmant burschikose Susanne Wolff weiß sie bestens zu verkaufen. Als schickes Model, das wie Lady Gaga über die Bühne fegt. Als Beaumarchais (Kathleen Morgeneyer) mit einem Fernsehteam anrückt, um ihr eine Entscheidung für Marie abzuringen, dauert es eine Weile, bis Clavigo versteht, was ihr da droht: Kimmig deutet die altmodische Blutrache in zeitgemäßes Stalking um. Doch was macht Clavigo? Flirtet mit der Kamera, schließlich werden die Bilder live in den Saal übertragen.

Auf der Bühne sind die Gefühle nicht mehr echt. Marie ist völlig ausgelaugt. Clavigo erkennt, dass sie den Zenit womöglich erreicht hat. Marie zieht sich eine Plastiktüte der Saatchi Gallery über den Kopf und erstickt unter bunten Punkten von Damien Hirst. Clavigo ist auch nicht mehr zu retten. Im letzten Bild steht der Ballon startbereit da. Doch eine Himmelfahrt wird es nicht geben.

Kimmig hat "Clavigo" als Ich-Festspiele inszeniert. Statt Dialogen führt er Monologe auf. Hier ist jeder nur mit sich beschäftigt, in einsamen Performances gefangen. Auf diesem Kunstmarkt der Eitelkeiten steht nicht mehr das Artefakt im Vordergrund, sondern die Ökonomisierung der Aufmerksamkeit für dessen Schöpfer – egal, ob er etwas schafft oder nicht. Und ausgerechnet der Kuratorenfiesling Carlos (Moritz Greve) erkennt das Kernproblem künstlerischer Entfaltung. "Kunst ist Spiel", sagt er zu Clavigo. "Kreativität ist zu wenig."
Stephan Kimmig hat dem Stück den Staub aus den Kostümen geklopft, es entschlackt, gestrippt und wieder angekleidet, mit Goethe-Zitaten, Spoken-Word-Performances, Videoprojektionen und Elektro-Beats. Er hat "Clavigo" in die Gegenwart geholt. Und wo könnte ein Spiel um Karrieristen, Freiheitsdrang und Ich-Bezogenheit besser stattfinden als auf dem Feld der Kunst? Man weiß nicht, was für eine Art Künstlerin diese Clavigo nun ist. Performerin? Pop-Star? It Girl? Die charmant burschikose Susanne Wolff weiß sie bestens zu verkaufen. Als schickes Model, das wie Lady Gaga über die Bühne fegt. Als Beaumarchais (Kathleen Morgeneyer) mit einem Fernsehteam anrückt, um ihr eine Entscheidung für Marie abzuringen, dauert es eine Weile, bis Clavigo versteht, was ihr da droht: Kimmig deutet die altmodische Blutrache in zeitgemäßes Stalking um. Doch was macht Clavigo? Flirtet mit der Kamera, schließlich werden die Bilder live in den Saal übertragen.Auf der Bühne sind die Gefühle nicht mehr echt. Marie ist völlig ausgelaugt. Clavigo erkennt, dass sie den Zenit womöglich erreicht hat. Marie zieht sich eine Plastiktüte der Saatchi Gallery über den Kopf und erstickt unter bunten Punkten von Damien Hirst. Clavigo ist auch nicht mehr zu retten. Im letzten Bild steht der Ballon startbereit da. Doch eine Himmelfahrt wird es nicht geben.Kimmig hat "Clavigo" als Ich-Festspiele inszeniert. Statt Dialogen führt er Monologe auf. Hier ist jeder nur mit sich beschäftigt, in einsamen Performances gefangen. Auf diesem Kunstmarkt der Eitelkeiten steht nicht mehr das Artefakt im Vordergrund, sondern die Ökonomisierung der Aufmerksamkeit für dessen Schöpfer – egal, ob er etwas schafft oder nicht. Und ausgerechnet der Kuratorenfiesling Carlos (Moritz Greve) erkennt das Kernproblem künstlerischer Entfaltung. "Kunst ist Spiel", sagt er zu Clavigo. "Kreativität ist zu wenig."
Berliner Morgenpost
Elisa von Hof, 15.11.2015
"Regisseur Stephan Kimmig hat die Besetzung des Goethe-Dramas 'Clavigo' umgegendert: In seiner Version ist der Jüngling eine Lady Gaga - eine echte Popdiva mit Starallüren, Geltungssucht und tonnenweise Make-up statt des ehrgeizigen Schreiberlings aus dem goetheschen Original. (...) Susanne Wolff (...) spielt den weiblichen Clavigo mit großer Lust und Stärke. Marcel Kohler die weibliche Marie mit Wehmut und Stolz, und Kathleen Morgeneyer den rachsüchtigen Bruder Maries mit solch unfemininier Strenge, dass die Genderproblematik ad absurdum geführt wird. Es zeigt aber, dass im 21. Jahrhundert jeder alles sein kann. Das ist so befreiend wie bedrückend, hängt doch statt des Geschlechts nun so vieles vom Image ab, das man sich selbst bildet." "Regisseur Stephan Kimmig hat die Besetzung des Goethe-Dramas 'Clavigo' umgegendert: In seiner Version ist der Jüngling eine Lady Gaga - eine echte Popdiva mit Starallüren, Geltungssucht und tonnenweise Make-up statt des ehrgeizigen Schreiberlings aus dem goetheschen Original. (...) Susanne Wolff (...) spielt den weiblichen Clavigo mit großer Lust und Stärke. Marcel Kohler die weibliche Marie mit Wehmut und Stolz, und Kathleen Morgeneyer den rachsüchtigen Bruder Maries mit solch unfemininier Strenge, dass die Genderproblematik ad absurdum geführt wird. Es zeigt aber, dass im 21. Jahrhundert jeder alles sein kann. Das ist so befreiend wie bedrückend, hängt doch statt des Geschlechts nun so vieles vom Image ab, das man sich selbst bildet."
Berliner Zeitung
Dirk Pilz, 16.11.2015
"Den Tod hat Kimmig gestrichen. Bei ihm wird weitergelebt, und das ist die eigentliche Strafe. Bei ihm ist alles von Sinnlosigkeit aufgefressen, von hohler Ruhmsucht, stumpfer Gier nach Selbstverwirklichung. Sein Clavigo: ein ich-besessener Karrieretriebling, ein Kunstbetriebsprodukt, ein von Zitaten behängtes Luftloch. Susanne Wolff spielt das mit beeindruckender Rücksichtslosigkeit: Sie wandelt Clavigo in ein unfassliches, rahmenloses Seelensammelbecken. Für alles offen, auf nichts festgelegt. Das will auch Porträt einer zeitgenössischen Künstlerfigur sein. (...) 'Was ist der Mensch, der gepriesene Halbgott!' ruft sie mit Goethes 'Leiden des jungen Werther'. Ihr Spiel antwortet: Alles ist er, und nichts. Alles zugleich, nirgends ganz. (...) Diesem Theater ist deshalb nichts heilig und alles möglich; es findet nirgends Halt und will nirgends hin. Ist das nun Gegenwarts- oder Goethe-Kritik? Beides vermutlich. Die Inszenierung lässt ihre Figuren am Ende als traurige Clowns dastehen. Als schlaffe Hüllen. Die Wirklichkeit verpufft, die Realität wird Spiel." "Den Tod hat Kimmig gestrichen. Bei ihm wird weitergelebt, und das ist die eigentliche Strafe. Bei ihm ist alles von Sinnlosigkeit aufgefressen, von hohler Ruhmsucht, stumpfer Gier nach Selbstverwirklichung. Sein Clavigo: ein ich-besessener Karrieretriebling, ein Kunstbetriebsprodukt, ein von Zitaten behängtes Luftloch. Susanne Wolff spielt das mit beeindruckender Rücksichtslosigkeit: Sie wandelt Clavigo in ein unfassliches, rahmenloses Seelensammelbecken. Für alles offen, auf nichts festgelegt. Das will auch Porträt einer zeitgenössischen Künstlerfigur sein. (...) 'Was ist der Mensch, der gepriesene Halbgott!' ruft sie mit Goethes 'Leiden des jungen Werther'. Ihr Spiel antwortet: Alles ist er, und nichts. Alles zugleich, nirgends ganz. (...) Diesem Theater ist deshalb nichts heilig und alles möglich; es findet nirgends Halt und will nirgends hin. Ist das nun Gegenwarts- oder Goethe-Kritik? Beides vermutlich. Die Inszenierung lässt ihre Figuren am Ende als traurige Clowns dastehen. Als schlaffe Hüllen. Die Wirklichkeit verpufft, die Realität wird Spiel."
neues deutschland
Hans-Dieter Schütt, 17.11.2015
"Das Trauerspiel: wenn der Mensch, der Künstler, der vermeintlich Freie nur in sich selber die heile Welt sieht und in jedem Draußen bloß Wirklichkeitsfetzen ohne jede Alternativkraft. Kimmig zeigt, was aus allem wurde: auch ein Trauerspiel. Das elend gesteigerte: dieses grelle, hysterische Spiel mit der eigenen Bedeutungsgier unter den Bedingungen des Pop. Der freie Mensch, der sich nichts mehr vorhalten lässt - außer einem Mikrofon. Der fortwährende Sog der Songs. Der ständige Run aller in ein neues Kostüm. Hier: ein Lendenschurz aus Wiener Würstchen; Männlichkeit im Tutu; ein Glitzerkleid mit Fettbauchpolster. Ein Heißluftballon liegt auf der Bühne, dessen farbiger Stoff bildet die bauschige Rückwand der Bühne. Was hier erheben soll, braucht heiße Luft. Aus leeren Köpfen, leeren Herzen pfeift sie, aus lauter letzten Löchern. Und nur in expressiven Videofetzen zeigt sich die leidenschaftliche Nahaufnahme einer Liebe, wie sie sich Clavigo und Marie zitternd an den Leib des jeweils anderen träumten. (...) Im Spannungsfeld zwischen einem Zorn, der wehtun soll, und einer Ironie, die nichts bewirken wird, fühlt sich das Herz aller Zustandskritiker schmerzlich zerrissen. Auch das Herz dieser Inszenierung. Darin liegt ihr Wert.
Zum Symbol dieser Zerrissenheit wird Kathleen Morgeneyer. In 'Bambi'-Abendrobe, helenefischerblond, leiert sie den veranstaltungsüblichen Schmalz, geht aber plötzlich über zu jener berühmten Antikapitalismus-Rede Jean Zieglers, die er in Salzburg nicht halten durfte (Kimmigs Inszenierung hatte dort im Sommer ihre Festspiel-Premiere). Mahnung daran, dass jedes tödlich an Hunger leidende Kind nicht stirbt, sondern ermordet wird. Grandios peinigend, wie Morgeneyer die bodenlose Dummheit eines Glamour-Gemüts bloßstellt, stammelnd zu harter Anklage wechselt und dies mit flehendem Beschwören einer läuternden Kunst verbindet ('Wunder sind möglich') - und wie sie das Ganze so vorträgt, dass man an den garantiert falschen Stellen erschrickt oder lacht. Wunder sind möglich - das Glaubensrefugium für Illusionäre. Wo doch der Glaube wächst, zur Reinigung der Welt seien vorrangig Wunden zu schlagen. (...) Heute, wo alle Vorstellungen von der Welt verschlissen sind, wurde alle Welt zur Vorstellung: Jeder plagt sich in einer Rolle, die er sich nicht aussuchen durfte. So geht Theater im Leben auf, aber geht dem Leben im Theater noch ein Licht auf? Vielleicht ganz gut, dass wir uns im Kreise drehen, denn erst dadurch kommen wir immer wieder bei der Grundfrage von Leben und Theater an: Was soll der Unsinn? Kimmigs Inszenierung offeriert das in einem verzweifelt komischen Zynismus und ist darin sehr wahrhaftig. Sie flattert karikierend von Moment zu Moment, wie jeder Mensch nur noch von Behauptung zu Behauptung flattert; der zweistündige Abend hat aber gleichsam, in Abständen, tief entsetzte, dunkel umränderte Augen. Trauer, freilich immer in Gefahr, ihren Grund zu vergessen."
"Das Trauerspiel: wenn der Mensch, der Künstler, der vermeintlich Freie nur in sich selber die heile Welt sieht und in jedem Draußen bloß Wirklichkeitsfetzen ohne jede Alternativkraft. Kimmig zeigt, was aus allem wurde: auch ein Trauerspiel. Das elend gesteigerte: dieses grelle, hysterische Spiel mit der eigenen Bedeutungsgier unter den Bedingungen des Pop. Der freie Mensch, der sich nichts mehr vorhalten lässt - außer einem Mikrofon. Der fortwährende Sog der Songs. Der ständige Run aller in ein neues Kostüm. Hier: ein Lendenschurz aus Wiener Würstchen; Männlichkeit im Tutu; ein Glitzerkleid mit Fettbauchpolster. Ein Heißluftballon liegt auf der Bühne, dessen farbiger Stoff bildet die bauschige Rückwand der Bühne. Was hier erheben soll, braucht heiße Luft. Aus leeren Köpfen, leeren Herzen pfeift sie, aus lauter letzten Löchern. Und nur in expressiven Videofetzen zeigt sich die leidenschaftliche Nahaufnahme einer Liebe, wie sie sich Clavigo und Marie zitternd an den Leib des jeweils anderen träumten. (...) Im Spannungsfeld zwischen einem Zorn, der wehtun soll, und einer Ironie, die nichts bewirken wird, fühlt sich das Herz aller Zustandskritiker schmerzlich zerrissen. Auch das Herz dieser Inszenierung. Darin liegt ihr Wert.
Zum Symbol dieser Zerrissenheit wird Kathleen Morgeneyer. In 'Bambi'-Abendrobe, helenefischerblond, leiert sie den veranstaltungsüblichen Schmalz, geht aber plötzlich über zu jener berühmten Antikapitalismus-Rede Jean Zieglers, die er in Salzburg nicht halten durfte (Kimmigs Inszenierung hatte dort im Sommer ihre Festspiel-Premiere). Mahnung daran, dass jedes tödlich an Hunger leidende Kind nicht stirbt, sondern ermordet wird. Grandios peinigend, wie Morgeneyer die bodenlose Dummheit eines Glamour-Gemüts bloßstellt, stammelnd zu harter Anklage wechselt und dies mit flehendem Beschwören einer läuternden Kunst verbindet ('Wunder sind möglich') - und wie sie das Ganze so vorträgt, dass man an den garantiert falschen Stellen erschrickt oder lacht. Wunder sind möglich - das Glaubensrefugium für Illusionäre. Wo doch der Glaube wächst, zur Reinigung der Welt seien vorrangig Wunden zu schlagen. (...) Heute, wo alle Vorstellungen von der Welt verschlissen sind, wurde alle Welt zur Vorstellung: Jeder plagt sich in einer Rolle, die er sich nicht aussuchen durfte. So geht Theater im Leben auf, aber geht dem Leben im Theater noch ein Licht auf? Vielleicht ganz gut, dass wir uns im Kreise drehen, denn erst dadurch kommen wir immer wieder bei der Grundfrage von Leben und Theater an: Was soll der Unsinn? Kimmigs Inszenierung offeriert das in einem verzweifelt komischen Zynismus und ist darin sehr wahrhaftig. Sie flattert karikierend von Moment zu Moment, wie jeder Mensch nur noch von Behauptung zu Behauptung flattert; der zweistündige Abend hat aber gleichsam, in Abständen, tief entsetzte, dunkel umränderte Augen. Trauer, freilich immer in Gefahr, ihren Grund zu vergessen."

Außerdem im Spielplan

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Gastspiel
von Wolfram Lotz
Regie: Yannik Böhmer
Nachgespräch mit Ensemble und Team
Box
19.30
Ausverkauft
Evtl. Restkarten an der Abendkasse

Von Mainz bis an die Memel CXLI

Ein Videoschnipselvortrag von Kuttner
Deutsches Theater
20.00
Mit englischen Übertiteln
von Christa Wolf
Kammerspiele
20.00 - 22.20