Alltag & Ekstase

Ein Sittenbild von Rebekka Kricheldorf
Kostüme Sabine Thoss
Dramaturgie Ulrich Beck
Uraufführung 17. Januar 2014
Jannek PetriJanne
Harald BaumgartnerGünther
Judith HofmannSigrun / Gitta
Thomas SchumacherTakeshi / Jonas
Franziska MachensKatja
Nermina Jovanovic/Zoë SeeligRiver
Janne
Sigrun / Gitta
Takeshi / Jonas
Nermina Jovanovic/Zoë Seelig
River
Der Tagesspiegel
Christine Wahl, 19.01.2014
'Alltag & Ekstase', das neue Stück von Rebekka Kricheldorf, ist ein äußerst witziger Kommentar zum allgegenwärtigen Selbstoptimierungszwang. Die 39-jährige Autorin – eine Expertin der unverkrampft-misanthropischen Pointe – lässt ein halbes Dutzend durchtherapierter Zeitgenossen aufeinander los, die allesamt wacker an sich selbst schuften. (...)

Bühnenbildnerin Claudia Kalinski hat Kricheldorfs Ich-Arbeitern eine Art hölzerne Selbstverwirklichungsmanege gebaut. Und die Uraufführungsregisseurin Daniela Löffner lässt hier tatsächlich derart genüsslich die Leinen los, dass man fast von Überengagement sprechen muss. (...)

Eine der interessantesten Personen des Abends kommt bei Kricheldorf übrigens gar nicht leibhaftig vor: Katjas und Jannes Tochter River existiert in der Textvorlage nur als „dickes Kind in diesen rosa Klamotten“, für dessen Missratenheit sich Eltern wie Großeltern wechselseitig die Schuld in die Schuhe schieben. Löffner hingegen lässt den Teenager (Nermina Jovanovic) quasi als personifizierte Weigerung zur allgegenwärtigen Selbstoptimierung auftreten. (...)

Man kann River natürlich verstehen. Wie sagt es Günther am Ende doch so schön: "Kann ich hier jetzt nicht einfach mal sitzen und leiden, ohne dass da wieder jemand therapeutisch im Moment rumsteht, in meinem privaten Leidensmoment?" Andererseits wäre es um Kricheldorfs Im-Moment-Herumsteher wirklich schade: Sie machen ziemlichen Spaß.
'Alltag & Ekstase', das neue Stück von Rebekka Kricheldorf, ist ein äußerst witziger Kommentar zum allgegenwärtigen Selbstoptimierungszwang. Die 39-jährige Autorin – eine Expertin der unverkrampft-misanthropischen Pointe – lässt ein halbes Dutzend durchtherapierter Zeitgenossen aufeinander los, die allesamt wacker an sich selbst schuften. (...)

Bühnenbildnerin Claudia Kalinski hat Kricheldorfs Ich-Arbeitern eine Art hölzerne Selbstverwirklichungsmanege gebaut. Und die Uraufführungsregisseurin Daniela Löffner lässt hier tatsächlich derart genüsslich die Leinen los, dass man fast von Überengagement sprechen muss. (...)

Eine der interessantesten Personen des Abends kommt bei Kricheldorf übrigens gar nicht leibhaftig vor: Katjas und Jannes Tochter River existiert in der Textvorlage nur als „dickes Kind in diesen rosa Klamotten“, für dessen Missratenheit sich Eltern wie Großeltern wechselseitig die Schuld in die Schuhe schieben. Löffner hingegen lässt den Teenager (Nermina Jovanovic) quasi als personifizierte Weigerung zur allgegenwärtigen Selbstoptimierung auftreten. (...)

Man kann River natürlich verstehen. Wie sagt es Günther am Ende doch so schön: "Kann ich hier jetzt nicht einfach mal sitzen und leiden, ohne dass da wieder jemand therapeutisch im Moment rumsteht, in meinem privaten Leidensmoment?" Andererseits wäre es um Kricheldorfs Im-Moment-Herumsteher wirklich schade: Sie machen ziemlichen Spaß.
taz
Simone Kaempf, 20.01.2014
Es ist spannend und hat etwas von Slapstick, wie die Regisseurin Daniela Löffner die Sinnsucher in Rebekka Kricheldorfs neuem Stück 'Alltag & Ekstase' am Deutschen Theater mit Fleisch und Blut füllt. Wie sie deren Tiraden psychologisch anpackt, die karikaturenhaften Überzeichnungen mit Empathie verbindet. Oder aberwitzige Szenenwechsel vom Himalaja auf eine Blumenwiese mit Licht- und Musikwechsel so atmosphärisch gleitend hinzaubert, dass wie nebenbei klar wird, warum sich die großen Theater in Berlin, Zürich oder München längst für die Nachwuchsregisseurin interessieren. (...)

Autorin Kricheldorf hat ein gutes Händchen für die Absurditäten des Daseins. Die Suche nach einem Platz in der Welt konfrontiert sie mit gegenwartsbezogenen Motiven: Ökobewusstsein, aber auch hier die Konsensgesellschaft, die alles analysiert, bespricht, austherapiert, für jedes Problem einen Kurs anbietet. (...)

Das Tableau der Deformationen wirkt zwischendurch so breit, dass man es wie einen Scherz nimmt, was als durchaus ernsthafte Botschaft durchklingt: Rausch und Ekstase sind ein urmenschliches Bedürfnis, dem man ab und zu nachgeben sollte.

Ihre ernsthafte Rahmung findet die Inszenierung auf überraschende Weise: Mit einer Erzählung von 200 Bergsteigern, die im Stau am Mount Everest festhängen. Rivers Lieblingsziehvater ist dabei gestorben, mit ihm neun weitere Menschen. Zu viele Individualisten wollten zur selben Zeit das Gleiche. Ein abgründiges Bild für die Austauschbarkeit der Einzigartigkeit.
Es ist spannend und hat etwas von Slapstick, wie die Regisseurin Daniela Löffner die Sinnsucher in Rebekka Kricheldorfs neuem Stück 'Alltag & Ekstase' am Deutschen Theater mit Fleisch und Blut füllt. Wie sie deren Tiraden psychologisch anpackt, die karikaturenhaften Überzeichnungen mit Empathie verbindet. Oder aberwitzige Szenenwechsel vom Himalaja auf eine Blumenwiese mit Licht- und Musikwechsel so atmosphärisch gleitend hinzaubert, dass wie nebenbei klar wird, warum sich die großen Theater in Berlin, Zürich oder München längst für die Nachwuchsregisseurin interessieren. (...)

Autorin Kricheldorf hat ein gutes Händchen für die Absurditäten des Daseins. Die Suche nach einem Platz in der Welt konfrontiert sie mit gegenwartsbezogenen Motiven: Ökobewusstsein, aber auch hier die Konsensgesellschaft, die alles analysiert, bespricht, austherapiert, für jedes Problem einen Kurs anbietet. (...)

Das Tableau der Deformationen wirkt zwischendurch so breit, dass man es wie einen Scherz nimmt, was als durchaus ernsthafte Botschaft durchklingt: Rausch und Ekstase sind ein urmenschliches Bedürfnis, dem man ab und zu nachgeben sollte.

Ihre ernsthafte Rahmung findet die Inszenierung auf überraschende Weise: Mit einer Erzählung von 200 Bergsteigern, die im Stau am Mount Everest festhängen. Rivers Lieblingsziehvater ist dabei gestorben, mit ihm neun weitere Menschen. Zu viele Individualisten wollten zur selben Zeit das Gleiche. Ein abgründiges Bild für die Austauschbarkeit der Einzigartigkeit.
Die deutsche Bühhne
Hartmut Krug, 21.01.2014
Rebekka Kricheldorfs neues Stück, ein Auftragswerk für das Deutsche Theater, ist eine ungemein witzige Zeitgeistkritik. Es geht um die Auseinandersetzung mit einem Selbstoptimierungszwang, der die ständige Arbeit an sich selbst mit der Forderung verbindet, über alles aber so was von völlig offen miteinander zu sprechen… Weshalb Katja (Franziska Machens), Ex von Janne und Mutter einer gemeinsamen Tochter, nach mal wieder Sex mit dem Ex, obwohl beide längst auseinander sind und sie sich mit anderen Männern versucht, morgens über das noch immer "stakkatohafte High-Speed-Gestoße" von Janne (Jannek Petri) reden möchte. Während der meint, er sei doch schon viel langsamer geworden, um sich dann, wie auch später immer wieder, weiteren und tieferen Diskussionen zu entziehen, – indem er sein Asthma-Spray benutzt. Psychosomatisch, klagt seine Familie. Die, nach dem Prolog in Bergeshöhen, in einem Familiensuch- und Beziehungsspiel sitzt, heftig diskutiert oder sich in ethnologische Erfahrungsspiele entgrenzt. Dafür hat Bühnenbildnerin Claudia Kalinski einen ovalen Sperrholzkasten gebaut, den die ungemein einfallsreiche Regisseurin Daniela Löffner wie eine Manege nutzt. Hier kommt Kricheldorfs Familienaufstellung mit Selbsttherapie-Erfahrenen wie ein buntes Zirkusspiel daher. Jannes Mutter Sigrun (wunderbar nervig selbstbezogen: Judith Hofmann) baut Gemüse ökologisch an und ein solarbetriebenes Holzhaus für sich allein auf. Sie zieht sich aus der Familienverantwortung als Mutter und Großmutter für einen hohen Geldbetrag zurück und geht in ihrem Selbstverwirklichungsversuch ganz auf – bis ihr Eigenbau abbrennt….

Link zur vollständigen Kritik
Rebekka Kricheldorfs neues Stück, ein Auftragswerk für das Deutsche Theater, ist eine ungemein witzige Zeitgeistkritik. Es geht um die Auseinandersetzung mit einem Selbstoptimierungszwang, der die ständige Arbeit an sich selbst mit der Forderung verbindet, über alles aber so was von völlig offen miteinander zu sprechen… Weshalb Katja (Franziska Machens), Ex von Janne und Mutter einer gemeinsamen Tochter, nach mal wieder Sex mit dem Ex, obwohl beide längst auseinander sind und sie sich mit anderen Männern versucht, morgens über das noch immer "stakkatohafte High-Speed-Gestoße" von Janne (Jannek Petri) reden möchte. Während der meint, er sei doch schon viel langsamer geworden, um sich dann, wie auch später immer wieder, weiteren und tieferen Diskussionen zu entziehen, – indem er sein Asthma-Spray benutzt. Psychosomatisch, klagt seine Familie. Die, nach dem Prolog in Bergeshöhen, in einem Familiensuch- und Beziehungsspiel sitzt, heftig diskutiert oder sich in ethnologische Erfahrungsspiele entgrenzt. Dafür hat Bühnenbildnerin Claudia Kalinski einen ovalen Sperrholzkasten gebaut, den die ungemein einfallsreiche Regisseurin Daniela Löffner wie eine Manege nutzt. Hier kommt Kricheldorfs Familienaufstellung mit Selbsttherapie-Erfahrenen wie ein buntes Zirkusspiel daher. Jannes Mutter Sigrun (wunderbar nervig selbstbezogen: Judith Hofmann) baut Gemüse ökologisch an und ein solarbetriebenes Holzhaus für sich allein auf. Sie zieht sich aus der Familienverantwortung als Mutter und Großmutter für einen hohen Geldbetrag zurück und geht in ihrem Selbstverwirklichungsversuch ganz auf – bis ihr Eigenbau abbrennt….

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das denken in der mundwerkstatt

philosophischer Salon mit Ferdinand Schmalz
Bar
19.30
Eintritt frei
mit englischen Übertiteln
von Albert Camus
Regie: Jürgen Kruse
Kammerspiele
19.30 - 21.45
Ausverkauft
Evtl. Restkarten an der Abendkasse
mit englischen Übertiteln
nach dem Roman von Michel Houellebecq
Nachgespräch mit Aiman A. Mazyek, Vorsitzender Zentralrat der Muslime; Moderation: Janis El-Bira - Deutsches Theater
Deutsches Theater
20.00 - 22.00
Limited Edition

schlammland gewalt

Regie: Josua Rösing
Box
20.30 - 21.30
Ausverkauft
Evtl. Restkarten an der Abendkasse